Sport : Fußballergie

Zwei Brüderhorden ringen unter Ausschluss von Frauen um das Penetrieren eines Objektes (Tor). Caroline Fetscher analysiert ein Phänomen

Tor! Jubel bricht aus. In allen Cafés und auf der  Straße beginnt enthemmtes Rufen und Grölen, Trinken, Tröten, Fahnenschwenken.  Hörst du das, sagt die Freundin schockiert in die Nacht, hör mal! Begeisterte  Schreie, als sei die Welt gerettet! Soviel Emotion! Denn am Rand des Geschehens  sitzen drei Frauen beisammen und staunen in Erschrecken. Sie diagnostizieren  beieinander „Fußballergie“, Furcht vor den massenhaften Eruptionen des  Irrationalen am, wie wir finden, verkehrten Ort. Nicht einmal, wenn ihr eigenes  Kind geboren wird, zeigen Männer soviel Emotion! Die andere Freundin schüttelt  den Kopf. Dann unser Versuch, das Beste daraus zu machen, einen Trost:  Wenigstens beweist das, wie viel Emotionen in ihnen stecken. Aber warum bringen  solche Spiele das zum Vorschein wie kein anderes Ereignis der  Erde?    

Wie stark ist Herr Podolski  verletzt? Wie lange darf Herr Löw nur auf der Tribüne sitzen? Warum ist der Ball  an allen möglichen Orten, aber so selten im Tor? Fragen über Fragen, die  Millionen, vor allem männliche Millionen von Menschen bewegen, als ginge es um  die pure Existenz, um Leben und Tod. Es sind die Wochen, in denen der Wadenwahn  regiert, in denen wir die Welt nicht mehr verstehen. Für jede Erklärung dankbar,  lauschen wir den Fans unter unsern Freunden, den hoch gebildeten wie den  schlichteren Seelen. Wir hören, was Sportpsychologen und Fußballsoziologen im  Radio sagen, auch wenn sie fast alle selber angesteckt wirken. Sie denken aber  nach, sie liefern Hilfsmittel zum Verstehen. Es geht, sagt einer, „um das leere  Drama mit offenem Ausgang“.
 
Anders als bei Shakespeare oder Molière wird hier ohne Rollen inszeniert, ohne Vergangenheit und Zukunft, es gibt keine rächenden Väter, Mütter, Söhne, keine Generationen alten Flüche und Verwünschungen, keine klar besetzen Konflikte mit Katharsis, sondern jeder Beteiligte, sagt ein Experte, kann alles  auf das Geschehen projizieren, elementarste Erlebnisse von Sieg und Niederlage, Glück und Pech, Geschick und Gelegenheit. Aha, nicken die drei Zuschauerinnen  der Zuschauer, da wäre mal ein Ansatz. Von dort gelangen wir auf diese Deutung:  Zwei Brüderhorden ringen unter Ausschluss von Frauen um das Penetrieren eines  Objektes (Tor).
 
Inszeniert wird ein Begehren, das bei Erfüllung einzig und allein Abfuhr gestattet, ohne Beziehungsprobleme, ohne dass individuelle Bedürfnisse eines Objektes befriedigt werden müssen – eine inszenierte, regressive Utopie. Das Tor, die Öffnung als Öffnung, versinnbildlicht eine vollendet autopoeietische Trope, es ist Teil eines selbstreferentiellen Systems, und ... „Spielt Deutschland eigentlich in Weiß oder in Rot?“ fragt eine Freundin die andre. Im  Café fangen wir an zu stören. Unwillig dreht man sich nach uns um. Wir gehören nicht dazu, wir fürchten, man spürt unsere Fußballergie. Plötzlich fängt eine von uns, eine Berliner Lyrikerin aus Polen, unvermutet an, auf ein Tor zu hoffen. Ein Tor! sagt sie, möglichst eins von Podolski möchte sie erleben. Als dann eines fällt, hat sie gerade nicht hingesehen. Komisch aber - in der  Zeitlupe verfolgen wir alle drei es fasziniert. Was für ein schöner Schuss,  elegant! Wir haben vor den Waden kapituliert. Für einen Moment.

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