Sport : „Fußballerisch waren wir immer besser“

Arie Haan über den Klassiker Deutschland–Holland, die unterschiedliche Mentalität in beiden Ländern und seinen Schüler Jürgen Klinsmann

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Herr Haan, wo werden Sie sich das Länderspiel zwischen Holland und Deutschland am kommenden Mittwoch ansehen?

Sehr wahrscheinlich in Rotterdam, im Stadion.

Haben Sie schon Ihren ehemaligen Schüler Jürgen Klinsmann angerufen?

Nein, das letzte Mal haben wir uns in der vorigen Saison bei einem Bundesligaspiel des VfB Stuttgart gesehen, aber warum fragen Sie?

Weil Sie ein besonderes Verhältnis zu Klinsmann haben.

Jetzt bin ich aber gespannt.

In gewisser Weise waren Sie es, der Jürgen Klinsmann überhaupt auf die Idee gebracht hat, Bundestrainer zu werden.

Wie kommen Sie denn darauf?

Klinsmann hat erzählt, er habe einen Zeitungsartikel nach Kalifornien gefaxt bekommen, in dem Sie die Frage aufwarfen: Warum greift Jürgen Klinsmann nicht ein?

Ich erinnere mich. Damals wurde in Deutschland schon fast hilflos diskutiert, wer wird Bundestrainer? Man hat einfach keinen gefunden. Viele waren im Gespräch, selbst von Lothar Matthäus war damals die Rede. Plötzlich wurde ich von einer Zeitung gefragt, wie ich denn die Suche fände. Ich sagte: Warum denkt ihr denn nicht mal an Jürgen Klinsmann?

War das ein Freundschaftsdienst?

Überhaupt nicht. Wenn man die Konstellation kennt mit Völler als Teamchef und einem Trainer an seiner Seite, das kann Klinsmann auch. Ich habe gesagt, dass man mit Klinsmann jemanden an der Spitze des deutschen Fußballs hätte, den die ganze Welt kennt.

Was prädestiniert Klinsmann für diesen Posten?

Er ist einer, der Ideen hat, und wenn er es macht, geht er voll rein. Und dann ist die Sache ins Rollen gekommen. Dann ist Berti Vogts drüben gewesen und hat ein bisschen auf ihn eingeredet.

Sie waren in Stuttgart Klinsmanns Trainer. Was macht ihn aus?

Was er anpackt, macht er zu 100 Prozent. Schon als Spieler, nur ist man in Deutschland relativ spät zu dieser Überzeugung gekommen. Schon als Spieler war er ein wenig egozentrisch. Er ist ein Typ, der die Arbeit teilt, aber er lenkt die Dinge in eine Richtung, die er für richtig hält, von der er felsenfest überzeugt ist. Und von dieser Richtung bringt ihn auch niemand ab.

Klinsmann war als Spieler nicht nur in Stuttgart und München, sondern auch in Italien, Frankreich und England erfolgreich. Wie wird er in Holland gesehen?

Sehr positiv. Ich komme ja recht viel rum in der Welt, und ich muss sagen, dass Jürgen die wohl positivste Erscheinung des deutschen Fußballs ist. Er war schon immer sehr aufgeschlossen, er war offen für andere, neue Dinge. Wer geht schon als ehemaliger Fußballprofi nach Amerika, in ein Land also, wo dich niemand kennt? Er ist bewusst dahin gegangen, um seine Ruhe zu haben von dem ganzen Trubel. Er hat einen Charakter, der nicht ganz passt zu den Deutschen.

Kritiker fordern Klinsmann auf, endlich wieder nach Deutschland zu ziehen, um seinen Job besser machen zu können. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?

Je nachdem, wie man es sehen möchte. Also in dem Moment, in dem er seine Mannschaft zusammen hat, ist die Entfernung gar kein Problem. Er wird sowieso alles sehen. Er wird unterrichtet darüber, wer in guter Form ist und wer vielleicht einen guten Sprung nach vorn macht. Und dann kann er sich den Spieler anschauen, ob er ihn in seinen Kader dazu nehmen kann oder nicht.

Sind Informationen aus zweiter Hand nicht auch zweitklassig?

Im Grunde genommen machen es alle Fußballmanager doch nicht anders. Wenn Assauer einen Spieler haben will, dann schickt er erst seine Scouts los. Und wenn alles gut ist, dann guckt er vielleicht selbst mal vorbei.

Assauer ist aber nicht der Bundestrainer.

Sehen Sie, dass sind doch alles Kleinigkeiten, über die man sich bei euch aufregt. Man sollte nur auf das Ergebnis gucken. Und dann kann man sagen, ob es passt.

Das aber spricht nicht gegen einen Umzug Klinsmanns nach Deutschland, so kurz vor der WM.

Aber auch nicht dafür. Es geht doch nicht immer um die Arbeit. Es geht um die Einsichten und die Schlüsse, die man daraus zieht, und um die Entscheidungen, die man trifft. Und bei Jürgen stimmen sie. Er macht das bisher sehr gut.

Als Sie Nationaltrainer von China waren, lebten Sie auch nicht die ganze Zeit in China.

Oh, die meiste Zeit habe ich dort verbracht, aber China ist so groß wie von Oslo bis Teneriffa. Ich war zwar da, aber immer auch weit weg.

Entfernung und Zeitverschiebung spielen also keine Rolle?

Wichtiger ist, dass man eine Idee davon hat, wie man Fußball spielen kann und wie man spielen muss. Die hat Jürgen ganz klar. Dafür braucht er seine Spieler. Und die sucht er sich auch dafür. Und wenn er dann auf einer Position einen sieht, der besser ist, dann holt er den dazu und testet ihn. Sollte dieser besser sein, dann bleibt er. Im Grunde ist es ja bei jeder Mannschaft so. Jeder Verein ist ständig auf der Suche nach besseren Spielern. Aber dafür hat der Trainer seine Leute. Als Trainer musst du dafür zum richtigen Moment die richtige Entscheidung treffen: So wird gespielt, und diesen Mann nehme ich.

Klinsmann hat vieles neu gemacht als Bundestrainer. Er hat Fitnesstrainer aus den USA einfliegen lassen und ...

... ich weiß, er hat einen Psychologen zur Nationalmannschaft geholt – wo ist das Problem? Man sollte in Deutschland froh sein, dass es so läuft. Man sollte auch mal eine Niederlage in Kauf nehmen. Ich sehe ja auch, dass Franz Beckenbauer seine Meinung geändert hat. Er hat gesehen, dass die Sache eine gute Basis hat, und eine Zukunft. Und deshalb sagt er auch: okay. Dieses Gefühl hat er erst entwickelt. Denn erst war er ja skeptisch. Aber jetzt lese ich nur Positives zu Klinsmann, ebenso von Günter Netzer.

Warum wohl?

Beckenbauer und Netzer sind alte Fußballhasen, die spüren, dass was los ist. Natürlich tut sich Franz schwer, weil er für die „Bild“-Zeitung arbeitet. Da warten alle, dass was schief geht. Aber bis jetzt geht nichts schief. Selbst eine Niederlage würde ihn nicht aus der Bahn werfen. Denn wichtig ist, dass die Jungs, mit denen Klinsmann arbeitet, ihm trauen.

Sie haben bei drei großen Turnieren, den Weltmeisterschaften 1974 und 1978 sowie bei der EM 1980 für Ihr Land gespielt. Erklären Sie uns bitte den Unterschied zwischen dem holländischen und dem deutschen Fußball.

Grundsätzlich ist der Charakter der Spieler ein anderer. Der Holländer an sich ist ein Abenteurer. Er ist frivoler, und er lacht gerne. Diese Basis ist schon anders als in Deutschland, wo ein bisschen das Preußische noch durchklingt. Es wird immer ein bisschen anders, langsamer und streng hierarchisch gespielt. Nach dem Motto: Ich habe einen Streifen mehr als du. Ganz so ist es zwar nicht mehr, aber Deutschland steht für Disziplin, für Organisation. Wir sind zwar auch organisiert, aber die Weise, wonach das passiert, ist lockerer.

Wie man ist, spielt man Fußball?

Aber ja, meist. Nehmen Sie die Belgier. Ich habe dort viele Jahre zugebracht. Die waren 150 Jahre oder so besetzt. Da kann man ja keine eigene Identität entwickeln, und deswegen spielen sie so sehr defensiv. Verteidigung ist denen am wichtigsten. Holländer dagegen waren schon immer viel unterwegs, sie fühlen sich überall zu Hause. Das prägt unseren Fußball. Aber wenn wir etwas mehr von Deutschland hätten und die Deutschen ein bisschen von uns, dann wären beide noch besser.

Worauf begründet sich die besondere Rivalität?

Wenn man es ganz knallhart sagt: Das kommt vom Krieg. Holland hat durch den Krieg sehr viele Juden verloren. Und Holland hat viele gehabt, speziell in Amsterdam. Jeder hat damit damals etwas zu tun gehabt. Im Westen unseres Landes besitzt die Rivalität eine größere Dimension als an der Grenze zu Deutschland. Ich bin selber an der Grenze, in der Provinz Groningen, geboren. Aber im Westen spüren Sie, dass noch heute die Abneigung da ist.

Und dann kam 1974, das verlorene WM-Finale gegen Deutschland. Das hat Ihr Land in ein tiefes Trauma gestürzt, oder?

Ja, okay, Sie haben wohl Recht. Es gibt da ein wundervolles Buch, es heißt: „1974: Wir waren die Besten“ von Auke Kok. Darin geht es um die Entwicklung Hollands, der Fußball bildet dann die Klammer dazu. Denken Sie mal daran, was der WM-Sieg 1954 für Ihr Land bedeutete. Durch den WM-Titel war Deutschland plötzlich wieder auf der Weltkarte. Deutschland war wieder jemand. Bis dahin wurde ja nur über den Krieg geredet. Und was für Sie 1954 war, ist für uns die WM 1974. Plötzlich war Holland jemand. Nur Deutschland hat verhindert, dass wir die Besten waren. Ausgerechnet Deutschland. Aber Holland war im Aufbruch. Die Erfolge 1974 haben unser Volk zusammengeschweißt, haben es ermutigt.

Deswegen sind Fußballsiege über Deutschland die schönsten.

Ach, das will ich so nicht sagen. Ich beispielsweise habe nie gewonnen gegen Deutschland. 1974 nicht, 1978 bei der WM in Cordoba nicht und bei der EM 1980 nicht. Aber was die Klubmannschaften anbelangt, sieht es besser für mich aus. Ich habe nie gegen deutsche Vereine verloren. Aber wenn ich an die Spiele Deutschland gegen Frankreich denke, oder an Deutschland gegen Österreich – Deutschland ist gebrandmarkt. Da kann man nichts machen. Das wird noch ein bisschen dauern.

Der ehemalige Weltklassestürmer Marco van Basten wurde Bondscoach, obwohl er wie Klinsmann keine Erfahrungen als Trainer hatte. Sind heute Gesichter und Köpfe wichtiger als Berufserfahrung?

Ach, das kann man unterschiedlich beurteilen. Ein Trainer mit viel Erfahrung kann sich in Wiederholungen verstricken. Ein junger Trainer hat vielleicht neue, frische Ideen. Und er ist näher dran an dem Fußball, der heute gespielt wird. Zumindest näher als der, der vor 50 Jahren gespielt hat. Der Fußball ist in Bewegung, und da hat der Jürgen eingehakt. Er hat die moderne Zeit genutzt, hat seinen PC mitgenommen und arbeitet jetzt damit.

Ein letzter Versuch, Herr Haan: Wer war 1974 nun wirklich besser: Ihr oder wir?

Das brauche ich Ihnen nicht sagen.

So deutlich?

Ja. Fußballerisch waren wir immer besser. Selbst in der großen Zeit der Deutschen mit Beckenbauer, Hoeneß, Müller und Breitner. Aber wir waren damals auch ein bisschen besser als unsere Jungs heute. Aber das sagt nichts über das 2:1. Sie kennen doch den Spruch: Man hat erst gegen die Deutschen gewonnen, wenn sie mit dem Bus aus der Stadt rausfahren.

Das Interview führte Michael Rosentritt

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