Fußballklubs : Tempelhofer Pioniere

Germania 1888, Deutschlands ältester Fußballklub, feiert den 120. Geburtstag – als Letzter der Bezirksliga.

Jan Mohnhaupt

Berlin - Die Nachmittagssonne taucht den Sportplatz an der Tempelhofer Götzstraße in warmes Licht. Ein Trainer scheucht zwei Nachwuchstorhüter durch den Strafraum. Sie müssen über Hürden hüpfen und dann abheben zur Flugparade. Auch Amateure müssen hart arbeiten, nicht bloß Profis.

So ein intensives Spezialtraining hat Fritz Baumgarten hier früher nicht erlebt. Bis heute ist er der berühmteste Spieler des BFC Germania 1888. Baumgarten hütete das Tor, als die deutsche Nationalmannschaft in ihrem ersten Länderspiel am 5. April 1908 in Basel der Schweiz 3:5 unterlag. Germania war damals kein normaler Amateurklub, sondern ein Pionier des deutschen Fußballs.

Eines der bekanntesten Mitglieder war Fritz Boxhammer, der die Fußballregeln vom Englischen ins Deutsche übersetzte. Als 1908 mit Torwart Baumgarten die Länderspiel-Geschichte begann und sich viele Klubs erst gründeten, war der Berliner Fußballclub Germania 1888 bereits 20 Jahre alt – und schon Deutscher Meister, wenn auch nur inoffiziell nach Lesart des damaligen Bundes Deutscher Fußballspieler.

Heute wird der älteste Fußballverein Deutschlands 120 Jahre alt. Von Meisterehren sind die Tempelhofer allerdings weiter entfernt denn je. In der Bezirksliga steht der Klub auf dem letzten Platz und damit vor dem Abstieg in die Achtklassigkeit. „Aber eigentlich ist uns die Spielklasse egal“, sagt der Vereinsvorsitzende Heinz-Dietrich Kraschewski. „Wir haben nun mal nicht das Geld, um gute Spieler einzukaufen. Viel wichtiger ist doch, dass wir eine funktionierende Jugendabteilung haben und eine durchgehende Linie bis zur ersten Mannschaft schaffen.“

Der letzte größere Erfolg war 2003 der Aufstieg in die Verbandsliga. Mit der Unterstützung eines Sponsors hielt sich der BFC Germania drei Jahre lang in der höchsten Berliner Spielklasse. Dann zog sich der Sponsor zurück, die besten Spieler verließen den Klub, und mit ihnen ging auch der Erfolg.

Macht nichts, sagt Kraschewski. Germania hat schon schlimmere Zeiten mitgemacht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts opponierte Germania dagegen, ausländischen Spielern den Einsatz in Meisterschaftsspielen zu erlauben. Und 1933, nach Hitlers Machtübernahme, waren die Tempelhofer der erste Klub, der seine jüdischen Mitglieder ausschloss.

Heute widmen sich die Germanen verstärkt dem Gedanken der Integration. „Die Welt wird halt immer kleiner und rückt zusammen“, sagt Erkan Erdogan, der Trainer der ersten Mannschaft. Er selbst ist in Berlin geboren und hat türkische Eltern. Früher, sagt Erdogan, hätten bei Germania ein bis zwei Ausländer gespielt, „heute ist das hier eine Multi-Kulti-Gesellschaft“. Eine wachsende Aggression auf und um den Fußballplatz spürt er nicht. „Vor 20 Jahren haben sich die Leute auf dem Platz genauso beschimpft wie heute.“

In den Jugendmannschaften des BFC Germania 1888 spielen immer mehr nicht-deutschstämmige Kinder. Für Klubchef Kraschewski gibt es unabhängig von Herkunft und Hautfarbe ohnehin nur ein Kriterium, das heute beim ältesten deutschen Fußballverein Gültigkeit hat: „Wir sind alle Germanen.“

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