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Fußballprofi Lindemann : Eine Saison in Bangkok

 30.11.2012 14:58 Uhr
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Björn Lindemann war als Fußballer in Deutschland schon gescheitert. Als ein Angebot aus Thailands Premier League kam, zögerte er nicht. Und wird dafür nun täglich belohnt.

Nach einer überragenden Rückrunde ist Lindemann (2. v. l.) einer der Stars in Thailands Erster Liga. Auch seine Mitspieler mögen ihn inzwischen. Foto: Jansen
Nach einer überragenden Rückrunde ist Lindemann (2. v. l.) einer der Stars in Thailands Erster Liga. Auch seine Mitspieler mögen ihn inzwischen. - Foto: Jansen

Noch zwei letzte Sprints, dann kommt endlich das Handzeichen des Trainers: kurze Pause. Björn Lindemann und seine Kollegen trotten zur Kühlbox mit den Wasserflaschen, die am Spielfeldrand bereitsteht. Die Trinkpause kommt für die Profis des Bangkoker Fußball-Erstligisten Army United gerade recht. 35 Grad zeigt das Thermometer noch immer an, es ist drückend heiß. Dabei ist es schon fast 17.30 Uhr, und das Sonnenlicht macht schon leichter Dämmerung Platz.

„Man verliert bei diesem Klima ungeheuer viel Flüssigkeit“, erklärt Lindemann, „das regelmäßige Trinken war auch so eine Sache, die ich erst lernen musste“. Seit knapp einem Jahr spielt Lindemann nun Fußball im tropischen Klima.

Als der 28-Jährige im Januar 2012 beim deutschen Drittligisten FC Carl Zeiss Jena ausschied, war dies gleichzeitig sein Ende in Fußball-Deutschland. Lindemann wagte den ganz großen Schritt: Er wechselte nach Thailand zu Army United in die dortige Premier League. „Ich bin in Deutschland fußballerisch einfach nicht zurechtgekommen. Ich hab am Ende keinen Spaß mehr am Fußball gehabt“, sagt Lindemann.

Lindemann ist einer, den man gern „Straßenfußballer“ nennt. Brillante Technik, mächtiger Schuss, gelegentlich die geniale Idee. Doch auf den vielen Stationen seiner Karriere, die sich bei Klubs der Zweiten und Dritten Liga abspielte, gab es stets auch Phasen, in denen es für den Mittelfeldregisseur nicht lief. „Klar habe ich schwächere Spiele gehabt. Aber vieles wurde auch übertrieben schlechtgeredet“, findet er. Im Frühsommer 2011 bekam er bei Zweitligist Osnabrück den Laufpass nach einer durchzechten Nacht. Anschließend das Scheitern beim Drittligisten Carl Zeiss Jena. „Ich habe sogar an das Ende meiner Karriere gedacht. Doch dann erzählte mir mein Agent vom Angebot aus Thailand. Das hat mich neugierig gemacht.“

Die Thai Premier League boomt, seit ihrer Gründung im Jahr 2009 verdoppelte sich jährlich der Etat der Vereine. Kamen vor drei Jahren durchschnittlich 500 Zuschauer zu den Spielen, liegt der Zuschauerschnitt bei den fünf Top-Klubs aktuell bei über 6000. Alle Partien sind live im Fernsehen zu sehen, von den TV-Sendern bekommt jeder Verein in dieser Saison rund 150 000 Euro. Und viele Thai-Fußball-Fans haben ihr obligatorisches Manchester-United-Trikot mittlerweile gegen das ihres thailändischen Lieblingsklubs getauscht.

Die meisten Vereine sind Werksklubs, maximal sieben Ausländer aus nichtasiatischen Staaten dürfen thailändische Erstligisten unter Vertrag nehmen, meist sind diese Stellen mit Kickern aus Afrika, Brasilien oder Osteuropa besetzt. Army United, der Klub, der der königlichen Armee untersteht, wollte vor der Saison unbedingt einen Spieler aus Deutschland.

Nur: Thailand ist weit weg, das Klima heiß, die Liga unbekannt. Zudem wirkt die Hauptstadt Bangkok mit ihren fast neun Millionen Einwohnern wie ein chaotischer Moloch. Deutsche Fußballprofis winken da normalerweise dankend ab. Lindemann, dessen Auslandserfahrungen sich bis vor kurzem im Wesentlichen auf jährliche Mallorca-Urlaube beschränkt hatten, reiste im Januar auf Einladung von Army United nach Bangkok. „Am Flughafen waren gleich vier Kamerateams. Wie herzlich ich empfangen wurde, das war schon beeindruckend. Ich hab eine Woche mittrainiert, dann hat mir der Verein ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte“, erinnert er sich.

Hitze, Einsamkeit, das Essen: Am Anfang wollte Lindemann gleich wieder zurück

Lindemann zog zunächst in einen Hochhauskomplex etwas außerhalb der City, in dem alle Army-Spieler untergebracht sind. Ein schlichtes Leben: Einzimmer-Appartements, mittags und abends gemeinsames Essen in der Kantine, dazu meist zweimal am Tag Training. Armys einheimische Kicker sind fast alle beim Militär angestellt, spielen Fußball für ein paar hundert Euro im Monat. Auf den neuen Kollegen aus Deutschland waren sie in den ersten Wochen nicht gut zu sprechen. „Klar waren die erst mal neidisch. Ich war der reiche Deutsche. Die wollten erst einmal nichts mit mir zu tun haben. Auch beim Fußball nicht“, sagt Lindemann. Kaum einer redete mit ihm, auf dem Platz lief der Ball auffällig oft an ihm vorbei. Die anderen Ausländer im Team waren ihm keine Hilfe: „Das ist eine Gruppe von Brasilianern, die blieben einfach unter sich.“

Es waren harte erste Wochen für Lindemann in Bangkok: Isolation, Hitze, das scharfe Essen, das er nicht vertrug. Dazu sportliche Probleme: Gegen die technisch und taktisch limitierten, aber wieselflinken Thai-Kicker konnte er sich nur schwer durchsetzen. In den ersten Wochen kam er kaum zum Einsatz. Abschiedsgedanken kamen auf. „Ich hatte echt zu kämpfen. Aber dann habe ich mir gesagt: So schnell gibst du hier nicht auf.“

Und tatsächlich: Nach etwa drei Monaten wurde es langsam besser. Lindemanns Freundin unterbrach ihr Studium in Jena, die beiden zogen in Bangkoks Innenstadt in eine kleine Wohnung. Lindemann lernte ein paar Worte Thai, bekam erste Kontakte zu einheimischen Spielern und profitierte sportlich von einem Trainerwechsel bei seinem Klub. Ein junger einheimischer Coach löste seinen älteren Vorgänger ab, Lindemann erhielt eine echte Chance. Und nutzte sie.

„Ich weiß auch nicht genau warum, aber plötzlich lief es“, sagt Lindemann. Unter der Regie des Deutschen kletterte das im Vorjahr fast abgestiegene Army United nun ins Vorderfeld der Tabelle, erstmals in der Vereinsgeschichte schaffte der Klub zudem den Einzug ins Pokalfinale. Lindemann lenkte nicht nur das Spiel seines Teams, sondern erzielte in der zweiten Saisonhälfte auch noch selbst neun Treffer. Plötzlich war er bei seinen Kollegen beliebt, auch wenn sie nach wie vor seinen Namen nicht richtig aussprechen und ihn wahlweise „Born“ oder „Lindeborn“ nennen. „Plötzlich klopfen mir alle auf die Schultern und lachen mit mir. Ich glaube, sie haben gemerkt, dass ich einer von ihnen sein möchte und sie fußballerisch natürlich auch einiges an mir haben können.“

Lindemann ist angekommen. Hat sich an den Dauerstau in Bangkok gewöhnt, weiß mittlerweile, wo er europäische Lebensmittel einkaufen kann, und hat sich auch mit dem thailändischen Lebensstil angefreundet: „Wenn es heißt, wir trainieren um vier, dann reicht es normalerweise, wenn man um halb fünf langsam eintrudelt. Weil vor fünf sowieso nichts passiert. Manchmal denke ich, es ist genau diese Lockerheit, die mir in Deutschland gefehlt hat.“

Er selbst ist mittlerweile fest entschlossen, mindestens ein weiteres Jahr in Thailand dranzuhängen. Bei welchem Klub er allerdings in der kommenden Saison spielt – das ist noch nicht klar. „Ich habe gehört, Army will mit mir verlängern. Konkret angesprochen haben sie mich aber noch nicht. Auch das ist typisch für Thailand: Sie machen alles auf den letzten Drücker.“ Sorgen um einen neuen Vertrag muss sich Lindemann allerdings kaum machen. Seine starken Leistungen der zweiten Saisonhälfte sind natürlich auch bei der Konkurrenz nicht unbemerkt geblieben. „Ich habe einige Anfragen anderer Klubs. Mal sehen, wo ich lande“, sagt er und grinst.

Erst einmal freut er sich jetzt auf den Urlaub in der Heimat. Lindemann wird für ein paar Wochen nach Deutschland fliegen. „Ich freu mich richtig auf die Kälte. Endlich mal wieder eine dicke Winterjacke anziehen und mit dem Hund im Wald spazieren gehen. Solche Dinge vermisst man, wenn man in der ständigen Hitze lebt.“ Lange wird er die europäischen Temperaturen aber nicht genießen können. Schon im Dezember beginnt die Vorbereitung auf die nächste Saison der Thai Premier League. Und Lindemann wird dabei sein. Für welchen Klub auch immer.