Sport : Fußballprofis auf dem Amt

200 Profifußballer fallen in diesem Sommer in die Arbeitslosigkeit. Eine Perspektive bietet ein Trainingscamp

Vorbei die Zeit der Schmerzen. Auch der ehemalige Schalker Gerald Asamoah ist derzeit ohne Vertrag. Foto: ddp
Vorbei die Zeit der Schmerzen. Auch der ehemalige Schalker Gerald Asamoah ist derzeit ohne Vertrag. Foto: ddpFoto: ddp

Berlin - Und wieder stehen rund 200 Spieler vor dem Nichts. Wie Nico Frommer.

Bereits im Sommer 2009 hatte der ehemalige Bundesligaspieler drei Wochen in der Sportschule Wedau trainiert. Seit acht Jahren organisiert dort die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) ein Trainingscamp, in dem sich vereinslose Spieler von Juli bis September fit halten können. Bis der eine Anruf kommt – und ihnen wieder Unterschlupf gewährt im Profifußball. Frommer musste damals drei Wochen warten, ehe ihn die Scouts von RB Leipzig in die fünfte Liga lockten. Das Angebot: Der Verein zahlt ein fürstliches Gehalt und bietet eine Perspektive über das Karriereende hinaus. Die Gegenleistung: Schieß’ den Verein in den Profifußball. Schnell.

Vergangene Saison endete der Durchmarsch des RB Leipzig in den bezahlten Fußball vorläufig. Das Team um den 33-jährigen Frommer verpasste den Aufstieg in die Dritte Liga. Der Stürmer spielte eine ordentliche Saison, neun Treffer bei 22 Einsätzen. Für die Verantwortlichen dennoch zu wenig. „Tut mir leid“, sagte der damalige Manager Thomas Linke zum Abschied. „Du wirst schon irgendwie etwas anderes finden.“ Kein Wort mehr von einer „Perspektive nach Karriereende“. Frommer musste schlucken. Bitte nicht schon wieder.

Der gebürtige Ulmer begann seine Karriere in der Bundesliga beim VfB Stuttgart. Als er mit 20 Jahren zu den Profis aufrückte, hatte Giovane Elber den Verein bereits verlassen, Krassimir Balakov und Fredi Bobic bildeten nur noch ein magisches Zweieck. Frommer wurde in den letzten Saisonspielen immerhin zum Einwechselspieler. Jahre später, nach sensationellen 18 Toren für den SSV Reutlingen in einer Zweitligasaison, kehrte Frommer noch einmal zurück in die Bundesliga. Von Eintracht Frankfurt ging es aber bald wieder in die Zweite Liga, irgendwann dann in die Oberliga nach Leipzig.

Nico Frommer schluckte am diesjährigen Saisonende nicht allein. Auch prominenten Beispielen wie Gerald Asamoah oder Timo Hildebrand blieb die Spucke weg. Sie alle haben eins gemeinsam: keinen Verein. Dass sie sich nun aber in dem Trainingscamp der VdV treffen, ist relativ unwahrscheinlich. Zurzeit trainiert etwa Asamoah lieber bei der Mannschaft von Trainer Olaf Thon, dem Fünftligisten VfB Hüls. „Solche Spieler wie Asamoah leben natürlich von ihrem Namen“, spekuliert Frommer. „Die finden doch immer ganz schnell einen neuen Klub.“

Ganz so einfach lässt es sich bei Spielern der Kategorie Nico Frommer nicht herunterbrechen. „Viele Vereine sind heutzutage vorsichtig, wenn ein Vertrag nicht mehr verlängert wird“, sagt Frommer. „Sie fragen sich natürlich: Hat das jetzt sportliche oder gesundheitliche Gründe?“ Und überhaupt: „Der Jugendwahn.“ Mit seinen 33 Jahren gehört er bereits zu den alten Eisen in Fußballdeutschland. Wer setzt denn heute noch auf Erfahrung? Es ist die Zeit der Müllers und Götzes.

Nico Frommer ging Anfang Juli zum zweiten Mal in seinem Leben zum Arbeitsamt. „Da merkt man dann: Jetzt hat die Stunde geschlagen!“, gesteht er. „Das – in Anführungszeichen – sichere, schöne Leben ist nun erst einmal vorbei.“ Die zuständige Arbeitsvermittlerin schickt ihren Kunden umgehend in das Camp der VdV, denn beide wissen: „Das Arbeitsamt wird für mich keine Vereine anrufen und um Arbeit bitten. Das Camp ist meine Bühne. Nur so finde ich jetzt noch einen neuen Verein.“

Vor zwei Jahren noch wollte Frommer unter keinen Umständen in das Auffanglager der VdV. Dann hörte er von den Spielern, bald 80 Prozent, die dort einen neuen Verein fanden. Und von Stefan Wessels, der dort trainierte, hört, hört, vom FC Bayern. Frommer fasste einen Entschluss: „Ich dachte, gut, dann beißt du jetzt in diesen sauren Apfel und ziehst das eben durch.“

In diesem Sommer fällt ihm die Anmeldung zum Camp deutlich leichter. Er wirkt zuversichtlich. Die erste Woche ist verstrichen mit Tests. Sprint, Ausdauer, Laktat. Seit Montag wird nun endlich trainiert. Ex-Profi Christian Wück leitet die beiden Trainingseinheiten pro Tag. Bei den anstehenden Testspielen gegen die Landesligisten Union Mühlheim und TuS Haltern werden dann auch die Scouts hinter der Bande stehen und für die letzte Motivation sorgen.

Nico Frommer möchte noch ein letztes Mal zurück ins Geschäft. Zwei Jahre noch, dann ist er 35. „Ich bin kein Tagträumer“, sagt Frommer. „An ein Angebot aus der Bundesliga oder der Zweiten Liga zu glauben, wäre natürlich vermessen. Aber Dritte Liga oder einen guten Regionalligisten traue ich mir sicherlich noch zu.“

Und wenn nun doch niemand mehr anruft und das erhoffte Angebot ausbleibt? „Ich sage immer: Die eine Tür geht zu, die andere geht auf. Wenn man sich damit arrangiert, dass es vielleicht vorbei sein könnte mit dem ganz großen Fußball, und man sich neue Ziele steckt, kann man daran auch mit neuer Energie arbeiten.“ Thomas Linke wird also recht behalten mit seinem leichtfertigen Abschiedsgruß. Nico Frommer wird schon irgendwie etwas anderes finden.

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