Fußballspieler : Wir sind keine Helden

Robert Enke: Welche Rolle spielen äußerer Druck und öffentliche Erwartungshaltung? Christian Hönicke über Erfolgsdruck in der Öffentlichkeit – und durch sie.

Christian Hönicke

Enke schaufelt sich sein eigenes Grab.“ So lautete eine Schlagzeile in der spanischen Presse nach Robert Enkes erstem Spiel für den FC Barcelona. Wenn es stimmt, dass Enke genau zu dieser Zeit seine Depressionen entwickelte, die schließlich in seinen Freitod mündeten, darf, nein muss man fragen: Welche Rolle spielen äußerer Druck und öffentliche Erwartungshaltung?

Ob in Kneipe, Fernsehen, Internet oder Zeitung – die Geschwindigkeit und Härte, mit der Urteile gefällt werden, ist inzwischen oft atemberaubend. Wer heute noch zum Heilsbringer erhoben wird, kann morgen schon zum Versager abgestempelt sein, wenn er unrealistische Wunschvorstellungen enttäuscht.

Das gilt nicht allein für den Profisport, doch hier ist der Erfolgsdruck besonders groß. Die Aufmerksamkeit gehört meist dem Sieger, alle anderen werden bestenfalls bemitleidet, gerne auch ignoriert und schlimmstenfalls als Versager tituliert.

Allzu oft vermisst man bei dieser Einordnung leider den Respekt vor dem Menschen als solchem, wie etwa der als „Torwart-Trottel“ verspottete 19-jährige Sascha Burchert von Hertha BSC vor kurzem erfahren musste. Als Rechtfertigung für solche Angriffe werden meist die hohen Beträge angeführt, die die Kritisierten verdienen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass der immerwährende Sieg eine Illusion ist, der auch die Besten nicht gerecht werden können. Stattdessen pflegt die Öffentlichkeit eine bisweilen fast obsessive Vorliebe für Skandale, Debakel und Katastrophen. Dieses Minenfeld aus Häme und Schadenfreude erschwert langfristige Projekte, erhebt die illusorische Perfektion zur höchsten Tugend und liefert so Treibstoff für Versagensangst.

Nun ist es eine zutiefst menschliche Eigenschaft, sich genüsslich über die Schwächen der anderen auszulassen. Es wäre aber schon ein erster Schritt, wenn wir akzeptieren, dass wir es selten mit Helden zu tun haben oder mit Versagern. Sondern meistens mit ganz normalen Menschen, die Schwächen haben und Fehler machen – wie wir alle.

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