Sport : Fussel im System

Hertha BSC sucht das verbindende Element zwischen Defensive und Offensive

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Agieren statt reagieren. Gegen Hannover konnte Hertha, hier mit Niemeyer (links) und Franz (rechts), dieses Vorhaben erst in der zweiten Halbzeit umsetzen. Foto: dapd
Agieren statt reagieren. Gegen Hannover konnte Hertha, hier mit Niemeyer (links) und Franz (rechts), dieses Vorhaben erst in der...Foto: dapd

Berlin - Peter Niemeyer zupft sich im Gespräch ein paar Fussel von der Trainingshose und sagt: „Wir müssen mal realisieren, dass wir in einer anderen Position sind als in der Zweiten Liga.“ Dabei ist nicht ganz klar, wen er mit wir meint. Meint er mit „wir“ die Mannschaft, also die Spieler von Hertha BSC? Oder meint er jene Fußballfreunde der Stadt, die Hertha BSC zugetan sind und die in ihren Erwartungen schon immer gern den Realitäten vorausgeeilt sind? Am Ende sind vielleicht die Medien gemeint, die diese Erwartungen schüren und kritisch zurückschlagen, wenn sie nicht erfüllt werden?

So einfach will es Peter Niemeyer sich nicht machen. Nach drei Bundesligaspielen steht der Aufsteiger mit zwei Punkten da, das ist nicht das, was die Mannschaft sich insgeheim erhofft hatte, aber auch nicht nichts. „Wir haben in den ersten drei Spielen sehr wenig zugelassen. Die Tore, die gegen uns fielen, hätten auch nicht sein müssen“, sagt Niemeyer. „Das ist eine gute Basis.“ Soll heißen: Das Optimum sieht anders aus.

Auffallend war in den bisherigen Saisonspielen, dass Hertha Probleme in der eigenen Spielanlage hat, dass der Spielaufbau zu wenig Stringenz und Tempo hat und die Mannschaft daher nicht in der Lage ist, ihr Spiel mal durchzubringen. Der 27 Jahre alte Niemeyer möchte diesen Eindrücken gar nicht widersprechen, wirft aber strafmildernd ein: „In der Zweiten Liga war es einfacher, das Spiel zu machen. Wir waren eigentlich immer der Favorit. Aber auch schon da hatten wir ein paar Schwierigkeiten.“ Tatsächlich haben die Berliner in der Vorsaison hauptsächlich von ihrer für diese Verhältnisse sehr guten individuellen Qualität gelebt. Der Kader war ja auch mit Abstand der teuerste im Unterhaus. Hertha schaffte zwar den direkten Wiederaufstieg, ein unvergessliches Vergnügen war ihr Tun nur selten. In manchen Spielen fehlte so etwas wie eine Spielidee gänzlich.

„Wir sind jetzt nicht mehr die Mannschaft, die 70 Prozent Ballbesitzzeiten hat wie in der Zweiten Liga“, sagt Niemeyer, gerade weil die Gegner in der Bundesliga „ja nicht unwissend und blind“ wären. In der Defensive stehe man inzwischen recht stabil, auch in der Offensive sei schon einiges gelungen. Es fehle jetzt nur das verbindende Moment. Oder wie Niemeyer es ausdrückt: „Wir müssen es jetzt noch hinbekommen, dass die beiden Elemente nicht nebeneinander her funktionieren, sondern dass aus ihnen eins wird.“

Peter Niemeyer spricht von einer neuen Denkweise, die die Mannschaft zu verinnerlichen hätte. Wie soll Herthas Spielphilosophie aussehen? Trainer und Spieler haben zu klären, wie kann und will Hertha erfolgreich operieren? Und das eingedenk der eigenen Qualität und der des jeweiligen Gegners. Es gäbe viele Mannschaften, die individuell besser besetzt seien, aber „wir können als Mannschaft eine eigene Stärke einwickeln“. Ein wenig denkt Niemeyer dabei an Hannover 96 als Beispiel. „Es geht nicht darum, dass wir ein 0:0 verwalten wollen, aber unser Spiel kann sich nur aus einer konzentrierten Defensive heraus entwickeln“, sagt Niemeyer. Natürlich wolle man dem Publikum etwas bieten, aber als Aufsteiger müsse berücksichtigt werden, wo man herkomme. Am Ende sei alles eine Frage der Organisation und Balance. Zumindest habe die Mannschaft in den beiden Auswärtsspielen gezeigt, dass man mithalten könne. Daraus sollte „das Zutrauen“ erwachsen, künftig mehr zu agieren, statt zu reagieren.

Vermutlich wird der Gegner im Olympiastadion am Freitag, der VfB Stuttgart, so bespielt werden, wie Hertha es zuletzt in Hamburg und Hannover unternahm: aus einer kompakten Defensive heraus. Die Idee, die dahintersteckt, setzt auf Ballgewinne und schnelle Gegenstöße. „Wir sind nicht so blauäugig und glauben, mit Hurrafußball zum Erfolg zu kommen“, sagt Peter Niemeyer, der die Fussel zu einem kleinen Bällchen zusammengerollt hat.

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