Sport : Fußtritte fürs Fairplay

Nach dem Skandalspiel in Istanbul droht Fifa-Chef Blatter harte Strafen gegen die Türkei an

Thomas Seibert[Istanbul],Christoph Kieslich

Benjamin Huggel war für die türkischen Medien am Tag danach der Schuldige. „Der hässliche Schweizer“, titelte eine Zeitung, vom „Terror der Nummer 14“ war die Rede. Überall präsente Fernsehbilder und Fotos zeigten, wie Huggel nach der erfolgreichen WM-Qualifikation seines Teams auf dem Weg in die Kabine den türkischen Kotrainer Mehmet Özdilek in die Kniekehle trat und dann mit dem türkischen Abwehrspieler Alpay Özalan aneinander geriet. Dass Özalan vorher einen Schweizer Spieler getreten hatte und dass die Schweizer Spieler von türkischen Fans mit verschiedenen Gegenständen beworfen wurden, blieb größtenteils ebenso unkommentiert wie die Tatsache, dass der Schweizer Ersatzspieler Stéphane Grichting niedergeschlagen wurde und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Die türkischen Spieler hätten sich durch Huggels Provokation dazu hinreißen lassen, selbst Schläge auszuteilen, lautete die türkische Sicht der Dinge.

Die Schweizer Sicht der Dinge war eine völlig andere. „Es ist schlimm, wenn man von der Bank aufsteht und Angst haben muss“, schilderte der Schweizer Nationaltrainer Jakob Kuhn die Momente nach dem Abpfiff, ehe die Schweizer im Spurt dem Wurfhagel von den Tribünen zu entkommen versuchten. In den Katakomben hätten sich „unfassbare“ Szenen abgespielt, sagte Raphael Wicky. „Türkische Spieler und Ordnungskräfte haben auf uns eingeprügelt. Ich habe Schläge gegen den Kopf und in den Rücken bekommen“, schilderte der Profi vom Hamburger SV die Vorgänge. Er sei jedoch dank der Hilfe der beiden türkischen Bundesliga-Profis Halil (Kaiserslautern) und Hamit Altintop (Schalke 04) noch glimpflich davon gekommen.

Die Schweizer als Täter, die Türken als Opfer – nach dem Ende ihrer WM-Hoffnungen befinden sich Teile der Fußballwelt und der Öffentlichkeit in der Türkei in einem Zustand der Realitätsverneinung. Besonders deutlich ist das bei Nationaltrainer Fatih Terim zu sehen, dessen Team trotz eines 4:2-Sieges ausschied, weil es das Hinspiel 0:2 verloren hatte. Trotz der Schwächen seiner Mannschaft am letzten Wochenende in Bern und der Fehler der türkischen Abwehr im Rückspiel gab Terim den Schiedsrichtern die Schuld am WM-Aus. In beiden Begegnungen hätten die Schweizer mit zwölf Mann gespielt, schimpfte Terim.

Besonnene Stimmen riefen die Türken am Donnerstag dazu auf, nicht die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. In beiden Spielen hätten die Schweizer mehr unter Schiedsrichter-Entscheidungen zu leiden gehabt als die Türken, kommentierte Erman Toroglu in der Zeitung „Hürriyet“. Die Türkei solle nun nicht woanders Sündenböcke suchen. „Lassen Sie uns ein wenig in den Spiegel schauen“, schrieb Toroglu. Dieser Appell verhallte weitgehend ungehört. In türkischen Internet-Foren war sogar von einer christlichen Verschwörung gegen die moslemische Türkei die Rede. Schließlich kamen die Schiedsrichter der beiden Spiele aus der Slowakei und aus Belgien.

Während Terim und die Fans jegliche Schuld von sich wiesen, ging der Weltverband Fifa der Frage nach, wer für die Ausschreitungen verantwortlich war. Die Bilder von den Faustschlägen und Fußtritten auf dem Spielfeld und im Kabinengang haben den Fifa-Präsidenten erbost. Josef Blatter zürnte: „Das macht mich rasend.“ Er kündigte „umfassende Untersuchungen“ und ein hartes Durchgreifen des Weltverbandes an: „Es darf nicht sein, dass sich die Spieler wie Diebe vom Feld stehlen müssen. Das Fairplay wurde in Istanbul mit Füßen getreten.“

Noch vor der Auslosung der WM-Endrunde am 9. Dezember in Leipzig soll die Diszplinarkommission der Fifa über Sanktionen entscheiden, und Blatter wollte selbst einen Ausschluss der Türken für die WM-Qualifikation 2010 nicht ausschließen. Was ihm allerdings vom türkischen Verband prompt die Kritik einer „gefährlichen, falschen und einseitigen“ Stellungnahme eintrug. Schließlich ist Blatter Schweizer. Doch auch Schweizer Spieler, die an dem Handgemenge im Kabinengang des Sükrü-Saracoglu-Stadions beteiligt waren, könnten zur Rechenschaft gezogen werden.

Der triumphale Empfang auf dem Flughafen Zürich-Kloten gestern Nachmittag wird die Schweizer Auswahl für die Tumulte von Istanbul entschädigt haben. Weit über tausend Fans feierten die Mannschaft enthusiastisch und blicken hoffnungsvoll Richtung Deutschland. Das Boulevardblatt „Blick“ formulierte: „Wer dieser Hölle trotzt, ist reif für WM-Großtaten.“ Die Türken hingegen müssen auf Großtaten nun eine Weile warten. Das WM-Aus hatte gestern erste Konsequenzen: Stürmerstar Hakan Sükür erklärte seinen Rücktritt aus dem Nationalteam.

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