Sport : Gabor Kiraly im Interview: "Fußball interessiert mich nicht"

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Gabor Kiraly (24) kam 1997 vom ungarischen Erstligisten Haladas Szombathely nach Berlin. Seitdem hat der Torhüter 100 Bundesligaspiele für Hertha BSC und 20 Länderspiele für Ungarn bestritten. Sein Vertrag in Berlin läuft bis 2003.



Einer, der Sie täglich kritisiert, hat einmal gesagt: Das Gute an Gabor ist, dass er gar nicht weiß, wie gut er ist.

Das war unser Torwarttrainer Enver Maric, und ich kann mir denken, was er damit meint: Ich bin sehr selbstkritisch und denke immer an meine Fehler. Vor zwei Wochen haben wir 1:0 bei 1860 München gewonnen. Alle haben mich gelobt, aber ich war nur zu 90 Prozent zufrieden, weil ich ein, zwei kleine Fehler gemacht habe.

Waren Sie schon mal zu 100 Prozent mit sich zufrieden?

Nein, noch nie.

Und zu 99 Prozent?

Auch nicht.

Nicht mal vor einem Jahr in Mailand? Da haben Sie beim 1:1 gegen den AC Milan ein überragendes Spiel gemacht.

Das war ganz gut, aber nicht überragend.

Dieses Maß an Selbstkritik überrascht. Ihr Trainer Jürgen Röber bekommt an der Seitenlinie manchmal Wutanfälle, weil Sie so leichtsinnig spielen.

Sie meinen, wenn ich den Ball mit einer Hand fange ...

oder wenn Sie einen gegnerischen Stürmer ausspielen.

Das ist kein Leichtsinn. Ich versuche immer, besser zu spielen, egal wie. Das sieht dann manchmal leichtsinnig aus.

Und was ist mit Ihrem Spleen, den Ball beim Abwurf gegen die Latte zu schleudern, dass er ins Spielfeld zurückprallt?

Ja, das könnte man vielleicht als verrückt bezeichnen. Ich trainiere es. Seit zehn Jahren.

Wie hoch ist die Trefferquote?

Knapp über 50 Prozent.

Haben Sie das schon mal in einem Spiel gemacht?

Vor eineinhalb Jahren, im letzten Saisonspiel gegen den HSV, habe ich es mal angedeutet, da war es auf einmal ganz still im Stadion. Aber das war nur ein Spaß. Jürgen Röber hätte mir das nie verziehen.

Röber ist für solche Späße nicht zu haben.

Ja, deswegen versuche ich ja auch, mich zurückzuhalten. Einige Spieler fragen mich manchmal, ob ich ein Problem habe, wenn ich zu konzentriert wirke. Nach dem Spiel kommen einige zu mir und fragen: Warum machst du keinen Spaß so mit einer Hand? Das passt zu dir. Und ich sage: Ich habe keine Angst, aber ich will keinen Ärger kriegen. Und dann sagen sie: Nein, mach das doch, dann fühlen wir uns sicherer.

Sie können sich fast alles erlauben. Es gibt bei Hertha BSC keine Position, die so fest vergeben ist wie Ihre.

So etwas kann sich sehr schnell ändern. Sie wissen ja, ich bin sehr selbstkritisch. Wenn ich nach 90 Minuten vom Platz gehe, weiß ich schon alle meine Fehler. Das braucht mir keiner sagen. Deswegen lese ich auch keine Zeitungen mehr.

Warum nicht?

Letztes Jahr haben wir in München 1:2 verloren. Okay, ich war nicht schlecht, aber ich wusste, dass wir wegen eines Fehlers von mir verloren haben. Am nächsten Tag las ich die Note für meine Leistung - eine 1,5, und vom Kicker wurde ich in die Elf das Tages gewählt. Was soll das?

Sie selbst aber schreiben jede Woche für die ungarische Zeitung Vas Népe einen Bundesliga-Kommentar.

Ja, jeden Dienstag.

Was wird denn diesmal drinstehen?

Etwas über unsere Tabellenführung und das Spiel in Dortmund, dass wir alle ein bisschen müde waren, dass ich deswegen auch am Mittwoch beim Länderspiel gegen Mazedonien fehle. Nur ein kleiner Bericht.

Mit einem Bildchen von Ihnen?

Ja, ja, mit einem kleinen Bildchen von mir.

So wie Franz Beckenbauer in der Bild-Zeitung?

Ja, genauso. Aber viel lieber lese ich den Kertbarat.

Den was?

Den Kertbarat. Eine ungarische Blumenzeitung, auf Deutsch "Gärtnerfreund". Ich bin gelernter Gärtner und liebe Pflanzen. Zurzeit sammele ich Kalenderbilder. In jeder Ausgabe gibt es einen Bildausschnitt. Wenn man alle Teile zusammenhat, kriegt man ein großes Poster zusammen. So wie im Kicke" bei einem Starschnitt von Sebastian Deisler.

Deisler ist in Deutschland ein Star, Sie sind in Ungarn fast schon ein Volksheld.

Langsam. Istvan Kovacs, der Boxer, der ist ein Volksheld. Mein Problem ist, dass ich nicht aus Budapest komme. Sonst wäre ich vielleicht schon früher in die Nationalmannschaft gekommen.

Wie wichtig ist Ihnen die ungarische Nationalmannschaft?

Enorm wichtig. Unsere Mannschaft ist noch sehr jung. Der Neuaufbau begann vor drei Jahren. Da hatte die Mannschaft einen Altersdurchschnitt von 22 Jahren. Jetzt sind wir etwas erwachsener geworden. In der WM-Qualifikation haben wir gegen Italien 2:2 gespielt und in Litauen 6:1 gewonnen.

Sie waren gerade 21, als Sie Ihre Heimat verließen. Was hatten Sie dabei, als Sie nach Berlin gekommen sind - eine Tasche oder gleich einen Umzugswagen?

Ich bin mit meiner Verlobten und zwei Sporttaschen nach Berlin gekommen. Ich wusste ja nicht, ob das klappt mit mir und Hertha. Glücklicherweise konnte ich ein bisschen Deutsch.

Woher?

Mein Vater war in den siebziger Jahren Fußballprofi. Nach seiner Karriere ging er ins österreichische Nachbardorf und hat in einer Amateurmannschaft gespielt. Mein Vater war der zweite oder dritte ungarische Spieler überhaupt, der im Ausland spielen durfte.

Sie telefonieren beinahe jeden Tag mit Ihren Eltern und Ihren Freunden zu Hause in Ungarn. Halten Sie es denn anders gar nicht aus in Berlin?

Darum geht es nicht. Wir lieben uns. Und wir besuchen uns gegenseitig, so oft es geht. Jetzt waren gerade meine Eltern hier und die Eltern meiner Frau. Und im Dezember kommt mein alter Libero mit seiner Frau nach Berlin. Dann feiern wir.

Mit Käsegulasch?

Nein, nein, das machen wir nur in Ungarn.

Weil es hier nicht den richtigen Käse gibt?

Ja, der ist nicht so gut hier.

Was essen Sie in Berlin?

Nur ungarische Küche. Meine Frau kocht. Das ist richtig kräftige Küche. Wenn wir mal eineinhalb Tage Pause haben, oder zwei Tage frei, fliegen wir sofort nach Ungarn.

Wenn man Sie so reden hört, dann werden Sie wohl nicht auf ewig bei Hertha bleiben.

Ich möchte unbedingt einmal zurück zu meinem alten ehemaligen Verein Haladas Szombathely. Ich will mit Haladas mindestens eine Runde im Uefa-Cup spielen, egal, ob als Zeugwart oder Präsident.

Oder im Tor. Ist es Ihnen dort nicht zu langweilig?

Nein. Es gibt ja keine gleichen Flanken, keine gleichen Torschüsse. Ich würde immer wieder Torwart werden.

Enver Maric will Sie bei Hertha zum besten Torwart Europas machen. Wen müssen Sie noch überholen?

Einige. Bis vor einem Jahr war Peter Schmeichel die Nummer eins. Jetzt finde ich Iker Casillas von Real Madrid sehr gut.

Was ist mit den Deutschen?

Wenn Deutschland eine gute Torwartschule hätte, müssten viele gute Leute herauskommen. Im Moment ist das nicht so.

Gucken Sie sich von Ihren Kollegen etwas ab?

Ach, ich schaue mir in meiner Freizeit keine Fußballspiele an, auch nicht im Fernsehen. Als Privatmensch interessiert mich Fußball nicht. Ich habe nicht mal die EM verfolgt.

Aber wer Europameister geworden ist, das wissen Sie schon.

Italien?!

Nicht ganz .

Dann eben Frankreich. Aber Italien hat geführt, oder? Ich habe mal kurz reingesehen ins EM-Finale. Da stand es 1:0 für Italien. Dann habe ich ausgeschaltet und bin Laufen gegangen. Ich wusste nicht mal, dass Deutschland ausgeschieden war und dass es deshalb ziemlich viel Theater gegeben hat. Das habe ich erst in Berlin von Sebastian Deisler gehört.

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