Sport : Gähnen und sprinten

Nach einer kurzen Nacht drehen die Sechstagefahrer auf

Hartmut Moheit

Berlin. Kurz vor dem Start zur Kleinen Jagd konnte sich Matthew Gilmore nicht mehr beherrschen. Der Belgier gähnte mit aufgerissenem Mund so demonstrativ, dass schon Schlimmes zu befürchten war. Sollte der vierte Tag beim 93. Berliner Sechstagerennen etwa zu einem Langweiler werden? Schließlich hatten die Fahrer nach der dritten Nacht gerade einmal fünf Stunden geschlafen, bevor sie im Velodrom an der Landsberger Allee wieder im Sattel saßen.

„Müde bin ich auch, deshalb werden wir eher etwas zurückhaltend fahren, um dann für die beiden Schlusstage noch genügend Körner in den Beinen zu haben“, sagte Robert Bartko. Der Potsdamer stand noch ganz unter dem Eindruck der dritten Nacht. „Ich habe es noch nie erlebt, dass ich ein Finale mit Gänsehaut fahre“, sagte der 28-jährige Straßenprofi und erinnerte sich noch einmal daran, wie er in der Nacht zuvor mit Guido Fulst von den Berlinern immer wieder nach vorn getrieben wurden. „Da startest du den Turbo automatisch, ob du willst oder nicht.“

Auch Otto Ziege, der zum 60. Mal ein Sechstagerennen als Sportlicher Leiter erlebt, war angetan von seinen Berlinern, die sich eindrucksvoll an die Spitze gesetzt hatten. „Ich habe zu Robert gesagt, wenn er am Dienstag unter den drei Besten ist, dann wäre das doch ein Grund zum Heiraten. Da hat er mir geantwortet: Wieso unter den ersten drei, ich will das Ding gewinnen.“

Beim Frühstück vor dem vierten Tag bei den 93. Sixdays versuchte sich Bartko erst einmal als Kellner. Er bediente den Schweizer Kurt Betschart, damit dieser nicht aufstehen musste. Ein wundes Gesäß und dazu noch eine Bronchitis zwangen ihn zur Pause. Betscharts Partner Bruno Risi bestritt zunächst den gestrigen Tag mit Ersatzmann Gerd Dörich aus Sindelfingen. „Von einem Olympiasieger bedient zu werden, das hat doch was“, sagte Betschart mit krächzender Stimme. Am Abend erteilten die Ärzte dem Schweizer dann ein totales Startverbot. Otto Zieges Wunsch ist es nunmehr, dass Risi bis Dienstag weiter mit Dörich fährt.

Trotz all dieser widrigen Umstände war die Stimmung am so genannten Familientag im Velodrom erneut bestens. Nur Matthew Gilmore und Martin Nothstein verloren etwas den Anschluss zu den Besten. Die Kleine Jagd gewannen die beiden Straßenprofis Danilo Hondo und Olaf Pollack vom Team Gerolsteiner, die Große Jagd vor 13 000 Zuschauern Robert Slippens und Danny Stam. Die Holländer gehören zu den vier Teams, die jetzt rundengleich vorn sind. Sie sowie Villa/Marvulli, Bartko/Fulst und Kappes/Beikirch trennen nur wenige Punkte. Sie alle waren topfit, oder haben ihre Müdigkeit geschickter überspielt als Gilmore.

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