Sport : Gästeblock Bellevue

Bundespräsident Rau spricht mit Fußballfans und Polizei

André Görke

Noch ist der Postempfänger streng geheim. Doch die Stimmen sind gezählt, die Wahl abgeschlossen. In zwei Wochen kürt das „Bündnis Aktiver Fußballfans“ den Sieger in der Kategorie „Goldener Schlagstock“ für die aggressivste Polizeiarbeit in einem Fußballstadion. 3500 Fans aus dem Bundesgebiet haben gewählt – und der Gewinner ist: die Polizei in Frankfurt am Main.

Mit Ironie reagieren die Fans auf das Auftreten von Ordnerdiensten und Polizei in den Stadien. Mit Sorge blicken die Anhänger auf die Weltmeisterschaft 2006: Sie befürchten, dass ihnen durch viele Sicherheitsauflagen die Lust am Spiel vergehen wird. Gestern bezog Bundespräsident Johannes Rau zu dem Thema Stellung: „Es darf nicht sein, dass Gewalttäter und aktive, friedliche Fans in einen Topf geworfen werden.“ Zur Freude der Fans regte Rau auch eine offene Debatte über die Anstoßzeiten der Bundesligaspiele an: „Mehr unter dem Gesichtspunkt, wer hingeht, statt unter dem, wer zuschaut.“

Bundespräsident Rau hatte Fans aus dem ganzen Bundesgebiet ins Schloss Bellevue geladen, um mit ihnen, Vertretern der Regierung, Polizei und der Deutschen Fußball-Liga über den Alltag im Stadion zu reden. Zu enge Gästeblöcke, zu hohe Zäune, zu aggressive Polizei – das waren die Vorwürfe der Fans. Von „Präventionsmaßnahmen“ sprach die Polizei, von „Willkür und Schikane“ redeten die Fans. Viele kritisierten auch, dass gegen Fans zu schnell Stadionverbote verhängt werden und die Rechtsgrundlage für die Aufnahme in die polizeiinterne Datei „Gewalttäter Sport“ unklar sei. Bundesinnenminister Otto Schily zeigte Verständnis: „In den Stadien gibt es immer ein Spannungsverhältnis zwischen Fans und Polizei.“ Angesichts der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft 2006 forderte Schily: „Es ist wichtig, dass wir uns als gute Gastgeber präsentieren.“

Das Motto der WM 2006 lautet „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Es sei ein Unterschied, „ob die Fans aus Brasilien von einer Hundertschaft Polizisten begrüßt werden – oder von den Fans“, sagte Ralf Busch, ein Sozialpädagoge des Berliner Fanprojekts. Lob gab es von allen Seiten für den Bundespräsidenten, weil der es geschafft hat, dass die Parteien nicht über, sondern miteinander reden. Rau geht davon aus, „dass nun regelmäßige Gespräche auf regionaler Ebene geführt werden“. Eines bedauerte er dann doch: Fußballfans im Schloss Bellevue – „das ist Premiere. Leider ist kein Fan des Wuppertaler SV dabei“. Wuppertal ist seine Heimatstadt.

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