Gala in der Champions League : Bayern wie einst Barcelona

Die fußballerische Dominanz des FC Bayern München erreicht beim 3:1-Sieg in Manchester eine neue Stufe. Sogar von den Fans des Gegners gibt es für die Vorstellung des Champions-League-Siegers Beifall.

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Gleich schlägt's ein. Arjen Robben (l.) trifft zum 3:0 für die Bayern.
Gleich schlägt's ein. Arjen Robben (l.) trifft zum 3:0 für die Bayern.Foto: Reuters

„Ich bin sehr, sehr zufrieden“, sprach der Bayern-Präsident und zog sichtbar stolz von dannen. Uli Hoeneß, der gemeinhin als Erfinder der antizyklischen Spielanalyse gilt, hatte sich in dem von englischen Spielerfrauen, verdutzten Reportern und schlecht gelaunten Köchen verstopften Stadionkorridor zuvor nur kurz, wie aus alter Gewohnheit gegen die Superlative nach dem 3:1 Sieg seiner Bayern gegen Manchester City gewehrt. „Eine Machtdemonstration? Solche politischen und kriegerischen Worte gehören nicht zum Fußball“, wiegelte der 61-Jährige ab, „wir haben eine sehr gute Mannschaft und einen sehr guten Trainer, beide arbeiten gut zusammen, da kommt eben so etwas dabei raus.“

Doch die Fassade der Gelassenheit kam schnell ins Bröckeln. Bayerns betörend formvollendete, schonungslose Demontage des englischen Spitzenteams ließ aus Hoeneß den Genussmensch hervorbrechen. „Das war 80 Minuten lang ein Fußball, wie ich ihn fast noch nie im Leben gesehen habe“, schwärmte er, „wie da die Ballstafetten gelaufen sind, gegen eine Mannschaft auf Augenhöhe…“ Überrascht sei er von seiner eigenen Elf „nie“, fügte Hoeneß hinzu, aber es sei „schon unglaublich“ wie sie in Manchester aufgetreten sei, von den zehn leicht wackeligen Schlussminuten nach dem Trosttreffer von Álvaro Negredo (79.) und der Roten Karte für Jerome Boateng abgesehen. „Zu dem Zeitpunkt hätte es ja schon 5:0 oder 6:0 stehen müssen“, sagte Hoeneß.

Pep Guardiola, der Mastermind der roten Weltklasseleistung, wirkte weit weniger begeistert. Es gebe „eine Menge zu verbessern“, meinte der 42-jährige Perfektionist, die eigenen Standardsituationen seien zum Beispiel „ganz fürchterlich“ gewesen. Den Bayern konnte man darüberhinaus höchstens noch den Vorwurf machen, gegen die von den Passfolgen wie hypnotisiert wirkenden Hausherren das Spiel nicht schon vor der Pause mit ein, zwei Toren mehr für sich entschieden zu haben. Franck Ribérys (durchaus haltbarer) Schuss zum 1:0 leitete in den Eastlands eine Dominanz ein, die halb Europa erschreckt haben dürfte und an Guardiolas früheren Klub FC Barcelona erinnerte. „Es fühlte sich an, als ob sie einen Mann mehr auf dem Platz gehabt hätten“, sagte Citys Rechtsverteidiger Micah Richards hinterher recht verzweifelt.

Die Bayern hypnotisierten City mit ihren Passfolgen

Innerbayerische Meinungsverschiedenheiten zwischen Kapitän Philipp Lahm und Sportdirektor Matthias Sammer waren hinterher angesichts der beeindruckenden Vorstellung kein Thema mehr, die vermeintlichen Kontrahenten umarmten sich kurz vor ein Uhr morgens unweit von Kalbsschnitzel und Gemüse im Ballsaal des Lowry-Hotels. Der Kommunikationsdruck beim Marktführer aus München dürfte in den nächsten Wochen weiter abnehmen; der denkwürdige Abend beim Scheichklub führte die spätsommerlichen Sorgen um Guardiolas taktische Veränderungen und einen Mangel an Emotionen nachträglich ad absurdum. Die Art und Weise, wie der Triple-Gewinner der Vorsaison den ersten großen, internationalen Test der neuen Zeitrechnung bestand, weckte in Karl-Heinz Rummenigge Hoffnung auf neuerliche Triumphe. „Wir sind alle verwöhnt von der letzten Saison, aber das war heute eine Augenweide“, sagte der Vorstandsvorsitzende, „wenn wir so weitermachen, werden wir am Ende des Tages nicht nur Wein auf dem Tisch stehen haben.“ Sondern auch den Pokal.

Es ist schwer zu sagen, ob Guardiola seine Ideale dezent an die Realitäten im Konterland Bundesliga angepasst hat, oder die Mannschaft seine komplexe Mischung aus cleverer Raumverdichtung und Jagdfußball nun einfach gekonnter umsetzt. „Guardiola ist ein brillanter Magier“, schrieb die „Daily Mail“, „er lenkt dich ab, legt dich rein, verzaubert dich. Er stellt eine Elf ohne echten Stürmer auf, doch wenn es darauf ankommt, wirkt es, als ob die Münchner neun Angreifer haben.“ Das Publikum goutierte die Darbietung: Die Gäste wurden von den City-Fans mit Applaus verabschiedet.

Die Bayern-Spieler ließen den großen Taten – City hatte fünf Jahre lang kein europäisches Spiel zu Hause verloren – hinterher allerdings nur sehr kleine Worte folgen. „Ganz gut“ habe man ausgesehen, sagte der als „Phantomstürmer“ („Daily Telegraph“) in der englischen Presse gefeierte Thomas Müller. „Wir stehen mit beiden Füßen auf dem Boden und wissen, dass es immer noch besser geht“, predigte Torhüter Manuel Neuer, „man darf nicht in Arroganz verfallen.“ Diese Elf, das war eine etwas beängstigende Erkenntnis, blieb von der eigenen Stärke gänzlich unbeeindruckt, wenn überhaupt berauscht man sich wohl insgeheim an der eigenen Professionalität. Nur Lahm saß noch sehr spät an seinem Tisch und blickte verträumt in die Halbdistanz. Aber das hatte profane Gründe. Für die Dopingprobe hatte er „vier Bier“ gebraucht.

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