Sport : Ganz alter Meister

Der 35-jährige Mark Warnecke holt sich den Weltmeistertitel über 50 Meter Brust

Andreas Morbach[Montreal]

Mark Warnecke schlurfte auf die vielen Reporter zu. Er ging nicht wie ein Star, er pumpte nicht seinen mächtigen Oberkörper auf, er ging eher wie einer, der noch gar nicht so recht wusste, was gerade passiert war. Er hatte gerade Gold über 50 Meter Brust gewonnen, er, mit 35 Jahren. Er ist damit der älteste Schwimm-Weltmeister, den es je gab. Und es ist sein erster WM-Titel auf der Langbahn. Nach 27,63 Sekunden hate er angeschlagen, keine Glanzzeit, aber sie reichte für Gold. Mark Gangloff (USA), der Zweite, 23 Jahre alt, hatte acht Hundertstelsekunden länger gebraucht. Das waren die Fakten. Aber was sie bedeuten, diese Fakten, das hatte Mark Warnecke aus Witten ein paar Minuten nach dem Rennen noch nicht wirklich begriffen. „Ich werde einige Zeit brauchen, um das zu verarbeiten.“ Zur Siegerehrung jedenfalls war er barfuß gekommen. „Meine Erfahrung hat mir den Sieg gebracht“, sagte Warnecke. Und: Ich bin schon 15 Jahre abgeschrieben worden und immer wiedergekommen.“

Reporter aus allen möglichen Ländern registrierten seine Sätze. Denn Warnecke ist dieser Kerl mit dem komischen Pulver. Er ist eine verdammt gute Story. Warnecke hat 16 Kilogramm abgenommen, weil er sich von einem Lebensmittelchemiker einen Aminosäuren-Mix zusammenstellen ließ. Seit er das erzählte, wird er mit E-Mails überflutet. Jeder möchte wissen, wo man das Pulver bestellen kann. Und nach dem Rennen nahm die Geschichte mit dem pulverisierten Schlankmacher skurrile Züge an. Ein Journalist aus Österreich wollte, ganz ernsthaft, wissen, welchen Tipp der „Herr Doktor“ seiner Frau geben könne. Mark Warnecke ist nämlich auch noch Arzt, Orthopäde und Chirurg. Seine Frau, sagte der Reporter also, die habe 25 Kilogramm Übergewicht. Warnecke antwortete trocken: „Wenn Sie Ihre Karte bei mir durchziehen und zehn Euro abdrücken, dann können wir darüber reden.“ Als Arzt in einem Krankenhaus hat er nämlich nicht allzu viel verdient, und seit Februar konzentriert er sich sowieso nur aufs Schwimmen. Erst nach der WM will er wieder als Arzt arbeiten. „Über Sponsoren habe ich zuletzt mehr verdient als in meinem Job als Arzt“, sagt Warnecke. Jetzt besteht sogar die Chance, dass er weitere Sponsoren gewinnt. Im Moment trägt er die Logos einer Brauerei und eines Autohauses.

Aber Warnecke und das Pulver, das ist nur ein kleiner Teil seiner Geschichte. Denn der 35-Jährige ist eigentlich ein schillerndes Gesamtkunstwerk. Reizfigur, Chaot, technisch perfekter Brustschwimmer, Rennfahrer, der mit hochgezüchteten Sportwagen über Rennpisten jagte. Gleichzeitig Arzt und Olympiadritter von 1996 über 100 m Brust sowie mehrfach Kurzbahn-Weltmeister.

Einfach war Mark Warnecke noch nie. Seit 1990 arbeitet er, mit einer Unterbrechung, mit Trainer Horst Melzer in Essen zusammen. Melzer war wegen Warneckes Unzuverlässigkeit zeitweise mit seinen Nerven am Ende. Einmal wollte der Athlet unbedingt an Weihnachten trainieren, dann teilte er dem wartenden Melzer übers Handy mit, dass er gerade auf der Autobahn sei und das Treffen vergessen habe. Vor fünf Jahren trennten sie sich im Streit. Zu dieser Zeit galt Warnecke als solcher Quertreiber, dass er nur mit größter Mühe einen neuen Klub fand. Erst später kam er wieder zu Melzer zurück. Es konnte auch passieren, dass Warnecke am Freitag bei einem Wettkampf ins Wasser sprang, am Samstag mit seinem Rennwagen über die Piste raste und am Sonntag wieder schwamm.

Er ist ein Typ, keine Frage. Das bewies er auch in Montreal. Die Zeit, die 27,63 Sekunden? „Sie ist gut“, sagte er. „Denn es war wahnsinnig kalt. Und das schlägt sich in meinem Alter stärker auf das Rheumaverhalten nieder als bei einem 18-Jährigen.“ Und überhaupt, die 116 Kilogramm, die er vor einem halben Jahr noch wog, die hätte er sich auch aus einem simplen Grund nicht leisten können. „Die Blöcke zum Reinspringen werden ja immer zierlicher. Da hätte ich mich gar nicht mehr draufgetraut.“ Horst Melzer hatte sich die Sprüche angehört. Später sagte er, gespielt seufzend: „Jetzt wird doch klar, was ich seit 15 Jahren mitmache.“

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