Sport : Ganz groß gewonnen

Deutschland gleicht Argentiniens Führung aus und siegt im Elfmeterschießen – im Halbfinale spielt Klinsmanns Team gegen Italien

Michael Rosentritt

Berlin – Jens Lehmann reckte seine Faust in den Berliner Abendhimmel, in der anderen Hand hielt er immer noch den Ball fest, den er gerade gegen den Argentinier Esteban Cambiasso abgewehrt hatte. Lehmann verharrte vielleicht zehn, vielleicht 15 Sekunden in dieser Pose. Dann hatten ihn die ersten seiner Mitspieler, die aus dem Mittelkreis losgestürmt waren, erreicht und rissen ihn um. Lehmann hat mit seinem zweiten gehaltenen Strafstoß die deutsche Nationalmannschaft ins WM-Halbfinale gebracht. Nach regulärer Spielzeit hatte es nach Toren von Roberto Ayala und Miroslav Klose 1:1 (0:0) gestanden. Da die Verlängerung vor 72 000 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion torlos blieb, musste das Elfmeterschießen entscheiden. Das gewann die deutsche Mannschaft nach Treffern von Oliver Neuville, Michael Ballack, Lukas Podolski und Tim Borowski mit 4:2. Im Halbfinale trifft Deutschland am Dienstag in Dortmund auf Italien.

„Jens Lehmann hat in seiner Karriere schon viele Elfmeter gehalten, heute hat er wieder zwei weggemacht“, sagte kurz nach dem Spielende Jürgen Klinsmann. „Das ist unglaublich, was hier passiert.“ Klinsmann musste sichtlich um Fassung ringen. Nicht nur das Spiel war überaus aufreibend gewesen, sondern auch das, was sich einige argentinische Spieler kurz nach dem Elfmeterschießen erlaubten: Sie traten und schlugen Spieler und Offizielle der Gastgebermannschaft. „Die ersten Provokationen kamen von den Argentiniern“, sagte Michael Ballack. An alles Weitere könne er sich nicht erinnern, außer, dass „ein paar Spieler von uns am Boden lagen“. Doch seine Mitspieler ließen sich von diesen Tumulten nicht sonderlich lange vom Feiern abhalten. Sie hüpften und tanzten und rollten vor Freude über den Rasen des Olympiastadions.

Kurz vor dem Elfmeterschießen hatte sich Jens Lehmann noch einmal auf dem Rasen niedergelassen. Er lockerte seine Muskulatur und konzentrierte sich. Dann plötzlich ergriff eine fremde Hand von hinten die seine. Es war die Hand von Oliver Kahn. Sein alter Widersacher hatte den so wichtigen Moment genutzt, und ging so innig wie noch nie auf Lehmann zu. Er beugte sich herunter und blickte Lehmann in die Augen. Es wirkte authentisch und herzlich. Als dieses Bild über die beiden riesigen Leinwände flimmerte, ging ein tausendfaches Raunen durch das Stadion, das in Applaus mündete. Es war eine große Geste, vielleicht die größte des gesamten Turniers.

Das Viertelfinale werden die Deutschen schon allein wegen des Erfolges über Argentinien in Erinnerung behalten. Argentinien stellte sich bei der WM als eine Mannschaft vor, die vermutlich nur im Elfmeterschießen und nur von Deutschen bezwungen werden konnte. Aber dieses Viertelfinale von Berlin wird vielleicht auch deswegen im nationalen Gedächtnis bleiben, weil in diesem Spiel die wichtigste Entscheidung Jürgen Klinsmanns ihre Bestätigung erhielt. Nach einer gut eineinhalb Jahre andauernden Torwartrotation hatte sich der Bundestrainer kurz vor dem Turnier anstelle von Oliver Kahn für Jens Lehmann als seine Nummer eins entschieden. Gestern nun rechtfertigte der Torsteher von Arsenal London dieses Vertrauen mit einer vorzüglichen Leistung und in großem Stil. „Wir hatten immer Vertrauen in diesen Ausnahmetorwart“, sagte Klinsmann hinterher. „Der Jens hat uns heute ins Halbfinale gebracht.“

Bevor der 36-Jährige den entscheidenden Elfmeter hielt, hatte er schon den Strafstoß von Ayala abgewehrt. Nur einmal war der Verteidiger Sieger geblieben, als er die Südamerikaner zu Beginn der zweiten Halbzeit mit einem Kopfballtreffer nach einer Ecke in Führung gebracht hatte. „Selbst nach dem 0:1 habe ich daran geglaubt, dass wir zurückkommen, dass wir zurückschlagen“, sagte Jürgen Klinsmann. „Es haben die zwei bis jetzt besten Mannschaften des Turniers gegeneinander gespielt. Kleinigkeiten haben das Spiel entschieden, aber ich denke, dass wir trotzdem verdient gewonnen haben.“ Sein Gegenüber, José Pekermann, stimmte ihm indirekt zu. Seine Mannschaft habe das Spiel zwar weitgehend dominiert, habe intelligent gespielt, „aber wir haben unsere Möglichkeiten nicht umsetzen können. Am Ende hatten uns das die Deutschen voraus.“

Dass es überhaupt zum Elfmeterschießen kam, lag auch an Michel Ballack. Der Kapitän, der zum „Man of the Match“ gekürt wurde, schlug die Flanke, die über den eingewechselten Borowski zu Klose kam, und vom Torjäger zehn Minuten vor dem Abpfiff der regulären Zeit zum Ausgleich genutzt werden konnte. Das Kopfballtor war Kloses fünfter Turniertreffer. Die erste und einzige Chance bis dahin hatte Ballack, dessen Kopfball kurz neben dem Tor landete. Vor allem aber überzeugte der 29-Jährige in seiner defensiver interpretierten Rolle im Mittelfeld. Er ist die Autorität des deutschen Spiels. An der Seite eines kämpferischen Torsten Frings verlieh er dem Spiel Stabilität und Sicherheit. Und das, obwohl sich Ballack durchs Spiel quälte. In der ersten Halbzeit bekam er einen Schlag von Juan Riquelme gegen die Wade, weswegen er schon Mitte der zweiten Halbzeit mit Krämpfen zu kämpfen hatte. In der Verlängerung musste er sich zwischen der 115. und 117. Minute am Seitenrand behandeln lassen, und dann war er es, der in der allerletzten Minute der Verlängerung einen entscheidenden Kopfball im eigenen Strafraum gewann. „Wir hatten schon dreimal gewechselt“, sagte Ballack, der sich zum Elfmeterpunkt geschleppt hatte, hinterher, „aber so, wie die Mannschaft gefightet hat, war es nur logisch, dass wir gewinnen.“

Die Schützen für das Elfmeterschießen hatte der Bundestrainer im Kopf gehabt, wie er später verriet. Nur die Reihenfolge war noch zu klären gewesen. Augenkontakt habe ihm dazu genügt, „denn wir haben eiskalte Schützen“. Und einen Torwart, der kurz vor der WM, im Halbfinalerückspiel der Champions League gegen Villarreal schon einmal einen wichtigen Elfmeter gehalten hatte – gegen den Argentinier Riquelme. Während Joachim Löw einen recht kryptischen Satz hervorbrachte, wonach es die Mannschaft sich verdient habe, „sich ein bisschen auszufreuen“, mochte Klinsmann nur nach vorn schauen. „Wir haben noch zwei schwere Spiele vor uns, die wollen wir gewinnen. Jetzt wollen wir noch mehr.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar