Sport : Ganz oben bleibt er bescheiden

VfB-Trainer Veh steht für modernen Fußball

Stefan Hermanns

Stuttgart - Manchmal hat man das Gefühl, dass die wahren Probleme für einen Deutschen Meister erst nach dem Eigentlichen beginnen: Funktioniert der Nachschub alkoholischer Getränke reibungslos? Werden die Meister-T-Shirts rechtzeitig angeliefert? Man muss es leider so sagen: Bei der Logistik verfügt der VfB Stuttgart noch über gewisses Steigerungspotenzial, vor allem die Versorgung mit den Meisterhemden verlief eher schleppend. Günther Oettinger immerhin war rechtzeitig ausgestattet worden. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg trug das rote T-Shirt mit Stolz, während Armin Veh, der Trainer des VfB, den Verteiler der Hemden mit einer Handbewegung fortschickte. Gerade im Moment des Triumphes kann man vieles falsch machen. Veh machte alles richtig. „Ich bin ein bissl stolz, dass ich diese Mannschaft trainieren darf“, sagte er. „Ich habe sehr viel Spaß gehabt.“

Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Doch Veh ließ die Mannschaft mit ihrem Spaß zunächst allein. Mit dem Abpfiff flüchtete er in die Kabine, und auch nach seiner Rückkehr hielt sich der Trainer angenehm zurück. Er wirkte eher wie ein neutraler Beobachter als wie der Vater des Erfolges. Dass diese Meisterschaft als sein Machwerk in die Geschichte eingeht, wird er trotzdem nicht verhindern können. Dazu sah die Mannschaft einfach zu sehr nach Armin Veh aus.

„Ich habe immer an den Trainer geglaubt“, sagte Sportdirektor Horst Heldt, „weil ich gesehen habe, dass er mit seiner Philosophie der richtige Trainer für den Verein ist.“ Veh hat, wenn auch mit Verzögerung, die Sehnsüchte des schwäbischen Publikums nach schönem Fußball bedient. In dieser Saison und mit einer Mannschaft, die nach seinen Wünschen zusammengestellt war, konnte er das sein, was er von Anfang an hätte sein sollen: der Anti-Trapattoni.

Der Italiener Trapattoni, dessen Verpflichtung die große Planlosigkeit der VfB-Führung enthüllt hat, stand für freudlosen Defensivfußball. Veh denkt im Zweifel offensiv. Sein historisches Ideal ist der FC Barcelona unter Johan Cruyff, aktuell schätzt er unenglisch spielende Mannschaften aus England: den FC Arsenal etwa, dessen hohes Maß an Organisiertheit den VfB-Trainer beeindruckt. Aus all dem lässt sich auch Vehs Idee vom Fußball filtern: Gut strukturiert soll er sein, intelligent und offensiv. Heruntergebrochen in die Praxis sieht das dann so aus, dass der Ball schnell, flach und direkt gepasst wird. In der Champions League, an der Stuttgart nun zum zweiten Mal teilnimmt, ist dieser Stil Standard, vorgetragen in einem für deutsche Augen mitunter unerträglichen Tempo. „Da müssen wir hinkommen“, sagt Veh.

Mit solchen Vorstellungen geht der 46-Jährige als moderner Trainer durch. „Ich wäre gern unter ihm Spieler gewesen“, sagt Horst Heldt, „weil ich bei ihm gewusst hätte, was ich machen muss, um erfolgreich zu sein.“ Es ist noch nicht lange her, dass Veh seine Zukunft hinter sich hatte. Nach seinem Rücktritt bei Hansa Rostock galt er als untauglich für das harte Profigeschäft. Jetzt zeigt sich, wie fragwürdig solche Urteile sind.

Zwei Tage vor dem Saisonfinale hat Veh einen bemerkenswerten Satz gesagt. Es ging um seine Zeit in Rostock, den Abstiegskampf und dessen negativen Einfluss auf die Lebensqualität, den Veh nicht mehr ertragen hat. Der angehende Meistertrainer sagte: „Ich glaube, dass ich jetzt auch reif für Rostock wäre.“ Bei Armin Veh muss man sich wohl keine Sorgen machen, dass ihm der Erfolg die Sinne vernebelt.

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