Sport : Ganz schön frech

Die Kieler Woche beginnt, und die Yngling-Seglerin Ulrike Schümann ist nicht nur dort samt Crew Favoritin

Hartmut Moheit

Berlin. Hätte Ulrike Schümann nicht auf einem Kaffeehaus-Stuhl am Potsdamer Platz gesessen, sondern in ihrem Segelboot auf der Nordsee, sie wäre womöglich ins Wasser gefallen. So aber hatte sich die 30-Jährige ganz gut im Griff, als sie erfuhr, dass im Fernsehen ihre Klubkameradin Nadine Stegenwalner als chancenreichste Deutsche für Olympia 2004 in Athen in der Yngling-Klasse benannt wurde. So aber sagte sie nur: „Entschuldigung, aber da muss ich doch lächeln.“ Außerdem verweist sie darauf, dass es neben der Stegenwalner-Crew vom Verein Seglerhaus am Wannsee schließlich auch noch das Team um Kristin Wagner aus München gibt, das Olympiachancen hat.

Warum Ulrike Schümann auf ihrem neuen, 30 000 Euro teuren Boot nicht so gelassen reagiert hätte, erklärt sie mit dem „häufigen Ausnahmezustand“ an Bord und ihrer „impulsiven Art“ auf dem Wasser. „Da fallen schon mal Worte, die nicht sehr fein sind“, sagte sie, „aber wenn wir wieder an Land gehen, ist das vergessen. Das ist bei uns ein ungeschriebenes Gesetz. Nicht umsonst haben Ulrike Schümann und ihre Vorschoterinnen Wibke Bülle und Winnie Lippert ihr Kielboot „Heilige Dreifaltigkeit“ genannt – Dreieinigkeit. Diesen Grundsatz stellt das Trio aus Potsdam, Grevesmühlen und Berlin über alles andere. Wobei Steuerfrau Schümann auf dem Wasser das letzte Wort hat.

Als erste Station auf dem beschwerlichen Weg nach Athen hat die Kieler Woche für das Trio und deren schärfste Kontrahentinnen bereits eine große Bedeutung. Klar ist bislang nur, dass Deutschland den einen Startplatz für Athen in der Yngling-Klasse sicher hat. Wer dort letztlich segeln darf, hängt von einer Reihe nationaler Ausscheidungen ab. „Für uns alle gilt die Kieler Woche in diesem Jahr als Ersatz-Europameisterschaft, da es 2003 keine EM gibt. Der Verband verlangt deshalb einen Platz unter den fünf Besten. Bei der WM in Cadiz ist das Minimum der zwölfte Rang“, beschreibt Ulrike Schümann die wichtigsten Ziele für diese Saison. Dass sie bei den traditionellen Frühjahrsregatten erfolgreich war, dass sie in Hyères siegte und vor Palma Dritte wurde, zählt lediglich für die eigene Moral.

Schon gar nicht hilft der diplomierten Betriebswirtin der Name Schümann. Mit dem America’s-Cup-Gewinner und dreimaligen Olympiasieger Jochen Schümann ist sie „weder verwandt noch verschwägert“. Sie sagt über die Namensgleichheit mit dem „Langen aus Berlin-Grünau“, der jetzt in Bayern lebt: „Der Vergleich mit ihm spornt mich an, ich betrachte das als gutes Omen. Wenn der Name Schümann wieder im Olympia-Starterfeld auftauchen würde, wäre das super.“

Ulrike Schümann, die 2002 bei der Kieler Woche gewonnen hatte und ein Jahr vorher „auf dem schwierigen Revier in einem sehr guten Feld“ Zweite wurde, wünscht sich sehnlichst, dass Jochen Schümann mal für ein Training mit ihrer Crew ein wenig Zeit hätte. „Bezahlen können wir ihn nicht, aber vielleicht ist er mal wieder in Berlin“, sagt sie. „Noch habe ich ihn nicht konkret darum gebeten.“

Mit der dänischen Spitzencrew um Dorte O. Jensen gibt es für das Team jedoch starke Trainingspartner, was allerdings in deren Verband für einiges an Missmut gesorgt hat. Yngling-Trainer der Deutschen ist mit Christian Rasmussen ebenfalls ein Däne. „Für mich zählt“, sagt Ulrike Schümann, „dass er ein genialer Segler war. Die ganzen Dinge um seine Bezahlung und den damit verbundenen Konkurrenzkampf sind mittlerweile auch geklärt.“ Damit möchte sich Ulrike Schümann auch nicht beschäftigen, sondern nur mit dem Ziel Athen 2004. Sie sagt, dass sie frecher und risikoreicher segelt als ihre deutschen Gegnerinnen, das sei ihr Vorteil. Wer etwas anderes berichtet, solle sich doch nur mal die Ergebnislisten ansehen.

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