Sport : Ganz unten

Hertha BSC wollte in die Champions League – jetzt kämpft die Mannschaft gegen den Abstieg

André Görke,Klaus Rocca

Von André Görke

und Klaus Rocca

Berlin. Fredi Bobic wurde nicht nur als Stürmer geholt, sondern auch als Wortführer bei Hertha BSC. Sein Wort sollte Gewicht haben, und das hatte es spätestens am Samstagabend. Kurz nach der 2:3-Niederlage gegen Hannover 96 sagte der Fußballprofi von Hertha BSC: „Wir stecken jetzt mitten im Abstiegskampf.“ Es läuft also einiges schief bei Hertha – und nicht jeder kann mit der Situation umgehen. Der Zustand eines Klubs:

Die Lage: Hertha BSC steht auf einem Abstiegsplatz. Statt der möglichen 15 Punkte aus fünf Spielen hat das Team gerade mal drei geholt. „Das ist völlig unzureichend“, sagt Niko Kovac. Von der Champions League, dem Saisonziel, redet niemand mehr. „Auch ich nicht“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Stürmer Bobic ist deutlicher: „Die Leverkusener haben 30 Spieltage gebraucht, bis sie kapiert haben, um was es geht. Das darf uns nicht passieren.“ Leverkusen ist fast in die Zweite Liga abgestiegen – auch deren Saisonziel lautete: Champions League.

Die Mannschaft: Die Mannschaft ist ernüchtert. „Wir müssen den Teamgeist zusammenhalten“, sagt Hoeneß. Bricht das Team etwa auseinander? Der Manager verneint. Aber klar ist: Viele Spieler sind jung, Charakterköpfe wie Beinlich, Preetz und Sverrisson stehen nicht mehr im Kader. Wer soll auf dem Platz führen? Kovac und Goor haben genug mit sich selbst zu tun. Dick van Burik saß gegen Hannover auf der Bank. Michael Hartmann hat wieder nicht zeigen können, warum er Nationalspieler ist. Und Marko Rehmer, zuletzt Mannschaftskapitän, scheint dieser Rolle nicht gewachsen. Er ist zu ruhig – und leistet sich zu viele Fehler.

Der Trainer: Der Vertrag von Huub Stevens endet im Juni 2005. Der Mann versteht etwas von Fußball, aber erreicht er noch die Mannschaft? Stevens reagiert in diesen Tagen gereizt, „aber die Wut ist verständlich“, sagt Hoeneß. Warum hat Stevens Kapitän van Burik auf der Bank gelassen? Hoeneß sagt: „Er hat keine Stammplatzgarantie.“ Stevens weicht der Frage aus. Warum hat Stevens gegen die schnellen Offensivspieler der 96er die Abwehr nicht verstärkt? Hoeneß antwortet: „Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie sich bei einer 2:0-Führung taktisch richtig verhält.“ Hoeneß stellt sich konsequent vor den Trainer. Drohen weitere Niederlagen, könnte der Druck unangenehm werden – für beide.

Der Manager: Vor zwei Jahren war Jürgen Röber derjenige, der zur Rechenschaft gezogen wurde. „Röber raus!“, riefen die Fans im Stadion. Den Trainer Stevens hat nun Hoeneß geholt – also ist auch er verantwortlich für seinen leitenden Angestellten. Ein weiterer Punkt: Hertha BSC hat in den letzten sechs Jahren etwas mehr als 40 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Hoeneß ist damit ein großes wirtschaftliches Risiko eingegangen – lange mit Erfolg. Doch die Kritik an Herthas Einkaufspolitik wird lauter – auch an Artur Wichniarek und Niko Kovac. Sie kamen immerhin ablösefrei. Aber Hoeneß sagt auch: „Ich habe Augen im Kopf.“ Wen er meint? Kein Kommentar.

Die Fans: Wenn die Hertha-Fans „Stevens raus!“ rufen, hat das schon lange nicht mehr nur damit zu tun, dass der Niederländer sechs Jahre beim Erzfeind Schalke 04 gearbeitet hat. Den Fans geht es längst auch ums Sportliche. Als die Mannschaft gegen Hannover 2:3 hinten lag, pfiffen die Zuschauer nicht einmal mehr – sie saßen auf ihren Plätzen und ertrugen es. Längst hat sich Herthas Stagnation auf die Zuschauerzahlen bemerkbar gemacht. Mit 42 000 Zuschauern hat der Klub im Schnitt kalkuliert – 36 628 sind es. Das Schlimme daran ist: Die kalte Jahreszeit kommt erst noch.

Die Verletzten: Marcelinho fehlt an allen Ecken und Enden. Herthas Spielmacher wird nach seinem Mittelfußbruch im Auftaktspiel gegen Werder Bremen (0:3) frühestens in vier Wochen zurückkehren. Seit Freitag läuft er ohne Gips, sechs Wochen hatte er diesen am Fuß. Ärzte sagen, dass ein Spieler so lange Aufbautraining benötigt, wie sein Fuß in Gips war. Also könnten es für Marcelinho nicht nur vier, sondern noch sechs Wochen Pause werden. Und das ist noch nicht alles. Gestern stellte sich die Verletzung von Thorben Marx als Kreuzbandriss heraus. Er wird sechs bis acht Monate fehlen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben