Sport : Gastfreunde

Caroline Fetscher

Auch Albert Einstein fand sich unter den Gästen, als am 6. Mai 1926 im Berliner Hotel Esplanade auf Sigmund Freuds 70. Geburtstag das Glas erhoben wurde. Der Redner Ernst Simmel, Vorsitzender der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft“, ortete die Quelle von Freuds Schaffenskraft „in jenem Übermaß an Liebesfähigkeit, das der leidenden Menschheit von ihm aus zuströmt“. Freud selbst war bei der Feier nicht zugegen. Doch an die zwei Dutzend Mal besuchte er zwischen 1884 und 1930 Berlin, das in den zwanziger Jahren, neben Wien, zur zweiten Metropole der damals radikal neuen Psychoanalyse avanciert war.

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Der schmale und dichte, mit Anekdoten und Zitaten angereicherte Band „Freud in Berlin“ des Psychologen Christfried Tögel will keine umfassende Freud-Biografie sein, sondern so eingegrenzt wie gezielt ein Schlaglicht werfen auf den Mann und die Stadt, die nicht nur drei seiner Kinder und zahlreiche Enkel beherbergte. In Berlin traf sich Freud mit befreundeten Kollegen wie Karl Abraham, dem Gründer des Berliner Psychoanalytischen Instituts, Hanns Sachs, dem Verfasser der ersten Freud-Biografie, und Max Eitingon, dem großzügigen Mäzen und Mitstreiter der neuen Wissenschaft. Deren Initiator genoss die Gastfreundschaft wie das lebendige Interesse der Kollegen.

Freud flanierte gern auf der Straße Unter den Linden und ließ sich in Berlin medizinisch behandeln. Nahezu alle führenden Psychoanalytiker, auch in Berlin, entstammten jüdischen Familien, und die Geschichte ihres Wirkens in der Stadt endete fast durchweg im Exil, in Jerusalem oder in Boston. So beschreibt diese Monografie mit der Fülle des intellektuellen Lebens mutiger Denker und Ärzte zugleich den Vorabend einer Vernichtung, von der sich die Psychoanalyse in Deutschland bis heute nicht erholt hat.

Christfried Tögel: Freud und Berlin. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin. 212 Seiten, 9,95 €.

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