Gastgeber bei der EM : Deutschland - der große Partyschreck

Von wegen Italien-Trauma: Der viel mächtigere Fluch bei Turnieren geht von den Deutschen aus. Seit einem halben Jahrhundert hat Deutschland neunmal den Gastgeber besiegt. Sogar bei der Heim-WM 1974.

Uli Hesse
1986 flog Mexiko im Viertelfinale raus.
1986 flog Mexiko im Viertelfinale raus.Foto: imago

Was haben wir gezittert und gebangt, geschwitzt und gefleht, bis der Italien-Fluch der deutschen Nationalmannschaft endlich besiegt war! Wie viele von uns konnten beim Elfmeterschießen gar nicht mehr hinsehen, weil sie wussten, dass die DFB-Auswahl bei großen Turnieren schon viermal an Italien gescheitert war? Und wann waren wir zuletzt so unglaublich erleichtert, als ein deutscher Nationalspieler einen Elfmeter über die Torlinie duselte?

Dabei war die Aufregung völlig unnötig, das Drama gar nicht dramatisch. Jetzt, wo das Halbfinale erreicht ist und der Gegner feststeht, beugt sich der beflissene Chronist erneut über die Daten und Statistiken - und stellt verblüfft fest, dass die ganze Zeit über ein anderer, viel mächtigerer Fluch am Werke war als Deutschlands angebliches Italien-Trauma. Man stellt fest, dass von Anfang an alles auf ein Spiel zwischen der DFB-Elf und Frankreich hinauslief. Ja, es war sogar äußerst wahrscheinlich, dass es das Halbfinale sein würde. Und über den Ausgang besteht auch kaum ein Zweifel. Denn seit mehr als einem halben Jahrhundert gilt für den Gastgeber eines Turniers diese eherne Regel: Willst du den Pokal holen, dann geh Deutschland aus dem Weg.

Eine unheimliche Serie

Vor fast genau 50 Jahren wurde die DFB-Auswahl - durch, wir erinnern uns, ein irreguläres Tor - im WM-Finale vom Gastgeber England besiegt. Ist es wirklich ein Zufall, dass die englische Mannschaft seither von einer Peinlichkeit in die nächste taumelt und gleichzeitig die deutsche Elf zum größten Party Pooper des Weltfußballs geworden ist? Seit 1966 spielte Deutschland neunmal gegen den Ausrichter eines Turniers - und gewann alle neun Partien! (Man kann sogar von zehn Siegen in zehn Spielen sprechen, dazu gleich mehr.)

Don’t mention the shoot-out. Andreas Möller schoss England 1996 im EM-Halbfinale aus dem eigenen Wembleystadion.
Don’t mention the shoot-out. Andreas Möller schoss England 1996 im EM-Halbfinale aus dem eigenen Wembleystadion.Foto: imago/Horstmüller

Diese unheimliche Serie begann mit dem EM-Halbfinale 1972 gegen Belgien in Brüssel. Viele Fans erinnern sich gar nicht mehr an diese Begegnung, weil man den damaligen Titelgewinn vor allem mit dem 3:1-Sieg im Wembley-Stadion verbindet (in der Qualifikation zur Endrunde) oder mit dem Endspiel gegen die UdSSR. Doch die wahre Hürde hieß seinerzeit Belgien. Zwar ging Deutschland als Favorit in das Halbfinale, aber der Heimvorteil des Gegners war nicht zu unterschätzen. Im Viertelfinale hatten die Belgier vor ihren fanatischen Fans Italien aus dem Wettbewerb geworfen. Und sie boten auch dem DFB-Team einen großen Kampf, in dem die Gäste am Ende knapp mit 2:1 die Oberhand behielten. „Belgien war der härteste Gegner, der stärkste und auch der spielerisch beste, den die deutsche Mannschaft auf dem Weg ins Finale hatte“, befand der Reporter des Kicker und man sah förmlich, wie er sich dabei den Schweiß von der Stirn wischte.

Manchmal siegten sie sogar in Unterzahl

Zwei Jahre später, bei der WM 1974 im eigenen Land, konnte die DFB-Elf schlecht gegen den Gastgeber spielen. Aber mit dem Wissen von heute sieht man, dass sich der aufkeimende Fluch trotzdem wieder bemerkbar machte: Erneut schaffte es Deutschland, die Heimmannschaft zu besiegen - nur war es eben diesmal das andere Deutschland, die DDR, die es tat.

Von Fußballgöttern verlassen. Brasilien ging vor zwei Jahren 1:7 unter.
Von Fußballgöttern verlassen. Brasilien ging vor zwei Jahren 1:7 unter.Foto: imago/Fotoarena International

Und so ging es immer weiter, manchmal selbst in Unterzahl, wie im Viertelfinale 1986 gegen Mexiko. Manche dieser zahlreichen Siege gegen gastgebende Nationen fallen einem nicht sogleich ein, weil sie in der Gruppenphase eines Turniers errungen wurden, zum Beispiel 1982 gegen Spanien oder 2008 gegen Österreich. Andere sind inzwischen legendär - etwa das 7:1 gegen Brasilien vor zwei Jahren oder das Spiel gegen Südkorea 2002, als Michael Ballacks taktisches Foul seiner Mannschaft den Sieg sicherte und ihn selbst die Finalteilnahme kostete.

Es sieht schlecht aus für Frankreich

Diese beiden Partien waren Halbfinalspiele. Auch das ist kein Zufall, denn es ist eine Spezialität der Deutschen, dem Gastgeber seine Party ganz kurz vor dem Höhepunkt zu vermiesen. Von den erwähnten neun Siegen errang das DFB-Team gleich sechs in einem Halbfinale! Vier davon bei einer EM, auf den 72er Triumph folgte vier Jahre später ein 4:2 nach Verlängerung gegen Jugoslawien in Belgrad. Dazu kommen noch der Sieg gegen Schweden bei der EM 1992 und der berühmte Erfolg im Halbfinale 1996 gegen Gastgeber England.

Womit sich der Kreis schließt - und die Erkenntnis verfestigt, dass die Franzosen sich besser einen anderen Gast eingeladen hätten als ausgerechnet die deutsche Mannschaft.

Video
Frankreich feiert nach Schützenfest: 'Deutschland, wir kommen'
Frankreich feiert nach Schützenfest: 'Deutschland, wir kommen'

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben