Gastgeber Litauen : Nur Körbe im Kopf

Litauen hat weniger Einwohner als Berlin, trotzdem holt der kleine Staat in seinem Nationalsport Basketball regelmäßig Medaillen bei großen Turnieren - und freut sich jetzt auf die EM und die vielen NBA-Stars.

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Überdosis Basketball. Litauen fiebert dem EM-Start entgegen.
Überdosis Basketball. Litauen fiebert dem EM-Start entgegen.Foto: AFP

Berlin - Noch vor dem ersten Sprungball haben die Veranstalter der Europameisterschaft den ersten Rekord aufgestellt. Am Montagabend versammelten sich mehr als 55 000 Litauer in den sechs EM-Spielorten, um für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde fünf Minuten lang gemeinsam zu dribbeln. Litauen ist basketballverrückt – und das nicht nur in diesen Tagen. Schon 1937 und 1939 war das kleine baltische Land Europameister. „Seitdem lieben die Litauer Basketball“, sagte der ehemalige NBA-Profi und Nationalheld Arvydas Sabonis, als er im Sommer in Berlin war, um für das Turnier in seiner Heimat zu werben. „Ein kleines Land will immer zeigen: Hey, uns gibt es auch noch! Bei uns funktioniert das mit Basketball.“

Litauen hat weniger Einwohner als Berlin, trotzdem hat der kleine Staat in seinem Nationalsport Basketball drei EM-Titel, den dritten Platz bei der WM vor einem Jahr und drei Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen geholt. Sabonis betreibt in der Hauptstadt Vilnius eine von fünf großen Basketballschulen, an denen die Stars von morgen ausgebildet werden. Wo immer auf der Welt die litauische Nationalmannschaft antritt, reisen ihr Hunderte Fans in Gelb, Grün und Rot hinterher, kein anderes Land verfügt über eine so reiselustige, lautstarke und hingebungsvolle Basketballgemeinde. Bei der Heim-EM wird die Unterstützung noch viel größer sein, nicht nur deshalb gilt das litauische Team als einer der Favoriten auf den Titel. Eine mögliche Finalpaarung bekommen die Zuschauer bereits am kommenden Sonntag zu sehen, wenn Litauen in der Gruppe A auf Titelverteidiger Spanien trifft. Beide Mannschaften könnten sich im Finale am 18. September in Kaunas wiedersehen. Auch Frankreich, Serbien, Russland, Griechenland oder Slowenien dürfen sich Hoffnungen machen, im Turnier sehr weit zu kommen.

Spanien vertraut auf mehrere NBA-Profis, darunter die Gasol-Brüder Pau und Marc, auch sonst haben viele Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga die Reise nach Litauen angetreten. Ein Grund für die Schwemme der NBA-Spieler ist die Chance, sich bei der Europameisterschaft für die Olympischen Spiele in London zu qualifizieren. Hinzu kommt, dass die NBA sich immer noch im Arbeitskampf befindet. Momentan ist völlig unklar, wann die neue Saison in den USA beginnt oder ob die kommende Spielzeit sogar komplett abgesagt wird. Die EM bietet somit die perfekte Gelegenheit für französische, italienische, russische, türkische oder georgische Profis, sich potentiellen Arbeitgeber in Europa zu präsentieren und sich fit zu halten.

Nicht nur vom Niveau der Spiele her dürfte dieses EM-Turnier also eines der anspruchsvollsten der jüngeren Vergangenheit werden. Andererseits hat die europäische Sektion des Basketball-Weltverbands Fiba die Europameisterschaft stark aufgebläht: Erstmals nehmen 24 Nationen teil, bisher waren es maximal 16 Mannschaften. Dadurch kommen auch Länder wie Finnland oder Portugal in den Genuss einer EM-Teilnahme – und das Turnier wird zur Mammut-Veranstaltung über 19 Tage, mit 90 Spielen in sechs verschiedenen Städten.

Ob die Aufstockung des Teilnehmerfelds der Veranstaltung gut tut, bleibt abzuwarten. Den Gastgebern allerdings dürfte die Überdosis Basketball Freude bereiten: Die Litauer können von ihrem Nationalsport ohnehin nicht genug bekommen.

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