Gastgeber nur noch Gast : Schweizer Presse: "Abgesoffen! Schluss! Aus! Vorbei!"

Entsetzen in der Schweiz. Der EM-Gastgeber ist nur noch EM-Gast. Spieler, Trainer und Presse reagierten traurig, aber realistisch.

Ein auf der Trainerbank zusammengesunkener Jakob Kuhn, fassungslos weinende Fans auf der Tribüne, Totenstille in der Kabine: Die Tristesse nach dem Europameisterschafts-Aus von Gastgeber Schweiz spiegelte sich in vielen Bildern wider. „Es ist  schmerzlich“, sagte Nationalcoach Kuhn nach der Niederlage in der Schlussminute gegen die Türkei (1:2) in einer dramatischen Regenspiel im St. Jakob-Park in Basel. „Abgesoffen“, titelte die Schweizer Zeitung „Blick“ am Donnerstag. „Schluss! Aus! Vorbei!“

Nur fünf EM-Tage währte der Traum der kleinen Fußball-Nation, etwas ganz Großes zu vollbringen. „Es ist nur eine Leere da“, sagte
Tranquillo Barnetta von Bayer 04 Leverkusen und rang nach Worten der Erklärung des Unfassbaren. Nach einer 1:0-Führung durch Hakan Yakin (32.) hatten die eingewechselten Semih (58.) und Arda (92.) den Gastgeber zum EM-Gast gemacht und die Fans am Bosporus von tiefer Trauer in höchste Begeisterung versetzt. „In der Kabine war kein Lärm, alle waren still. Wir sind traurig und am Boden“, sagte Ersatz-Kapitän Ludovic Magnin nach dem Untergang mit fliegenden Fahnen.

 „Es nützt nichts, die Niederlage schön zu und zu sagen: Gut gespielt“, meinte der Stuttgarter Verteidiger. „Wir haben verloren,
das ist das Schlimmste.“ Auf EM-Niveau würden Kleinigkeiten entscheiden: Die Tschechen (0:1) hätten nur einmal aufs Tor
geschossen und das 1:2 der Türkei sei durch einen abgefälschten Ball verloren worden. Der Traum ist finito. Im Fußball zahlt man cash“, sagte Magnin.
 
„Dies war der schlimmste Tag in meiner Karriere“, sagte Abwehrchef Patrick Müller. Er hatte mit der Hacke den Schuss von Arda zum
Siegtreffer noch abgelenkt und damit die Eidgenossen endgültig zu „Europameistern der Pechvögel“ gemacht. „Wir haben zwei Jahre hart gearbeitet, spielen gut und der Ertrag ist nicht da. So ein Moment ist bitter“, meinte Torschütze Yakin. „Es ist eine Enttäuschung für die ganze Schweiz.“

Schließlich hatten die Schweizer ein Ziel so hoch wie ihre Berge. „Endstation Wien“, prangte auf dem Mannschaftsbus. Statt zum
Finale am 29. Juni ins EM-Nachbarland Österreich zu reisen, wurde Basel zur Endstation . Ein Kette unglücklicher Ereignisse trug dazu bei: Erst belastete die schwere Erkrankung von Alice Kuhn den Nationalcoach und das Team, dann folgte der Schock durch das EM-Aus von Kapitän Alexander Frei im Eröffnungsspiel. „Ich kann keinem Spieler einen Vorwurf machen“, sagte Kuhn. „Wir werden wieder aufstehen und versuchen, auch im letzten Spiel gegen Portugal alles zu geben.“

Für den 64-jährigen „Köbi Nationale“ kommt am Sonntag in Basel nach siebenjähriger Amtszeit die Stunde des Abschieds. „Wir wollten für ihn ins Viertelfinale kommen. Jetzt wollen wir ihm mit einem Sieg wenigstens noch etwas Schönes bereiten“, sagte Patrick Müller. Einen Aufbruch verspricht sich Magnin von Nachfolger Ottmar Hitzfeld, für den am 10. September mit dem WM-Qualifikationsspiel gegen Luxemburg ein erster, leichter Test ansteht. „Ich hoffe, dass er eine neue Art bringt. Nach sieben Jahren brauchen wir das auch“, so der Bundesliga-Legionär über den Meistercoach des FC Bayern München.
 
Zweieinhalb Jahre nach dem Skandalspiel von Istanbul, bei dem es nach dem Scheitern in der Qualifikation für die WM 2006 gegen die Schweiz zu wüsten Prügeleien gekommen war, ist damit den Türken die sportliche Revanche geglückt. „Es ist ein wunderbares Gefühl“, sagte Trainer Fatih Terim. „Diese drei Punkte geben uns viel Hoffnung. Die EM hat für uns erst jetzt richtig begonnen.“

Die Entscheidung über den Einzug ins Viertelfinale fällt am Sonntag in Genf gegen die punktgleichen Tschechen.  „In der Pause habe ich ein kleines Gebet gesprochen, dass der Regen aufhören soll“, berichtete Terim. Dank einem prompten Wetterumschwung, dem eingewechselten Semih und dem Treffer von Arda gelang die Wende.

„Vom Auftritt und Willen her waren wir einen Tick besser. Es war für uns nicht einfach - wir haben es gemeistert“, sagte
Bayern-Profi Hamit Altintop. „Wir haben gezeigt, dass wir eine ordentliche Mannschaft sind. Uns kann nun keiner böse sein.“ (dpa)

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