Sport : Geborgen in Gold

Im Vierer holt Kathrin Boron ihren vierten Olympiasieg – und findet Halt nach dem Tod ihrer Mutter

Frank Bachner[Athen]

Irgendwann begann Kathrin Boron zu weinen. Es war ein stilles Weinen, kein Schluchzen, sie weinte eher in sich hinein. Kathrin Boron wusste, „dass das passieren würde“. Sie wusste es deshalb, weil klar war, dass sie im Rudern die Goldmedaille mit dem deutschen Doppel-Vierer gewinnen würde. Der Doppel-Vierer ist seit 1976 bei Olympischen Spielen ungeschlagen, er würde nur verlieren, wenn das Boot sinkt. Natürlich sagte Boron, dass „wir hart kämpfen mussten“, aber das war ein Pflichtsatz. Die Tränen kamen dann, als die 34-Jährige eingezwängt im Presseraum an der Ruderstrecke saß, umgeben von einem Dutzend Reporter, die Goldmedaille um den Hals. Es ist ihre vierte Goldmedaille. „Emotional gesehen, ist es die bedeutendste, die ich habe“, sagte sie.

Dieses Gold haben vier Frauen geholt, zusammen mit Boron noch Meike Evers, Manuela Lutze und Kerstin El Qalqili. Aber dieser Erfolg ist eigentlich die Geschichte der Kathrin Boron, der erfolgreichsten Ruderin der Welt. Denn wenn es ein bisschen anders gelaufen wäre, dann würde es die Ruderin Boron heute nicht mehr geben.

Schon 2002 setzte Boron vier Monate aus. Im August 2002 wurde ihre Tochter Cora geboren. Bis dahin bestand ihr Leben aus Training, Wettkampf und Beruf. „Jetzt musste ich viel mehr Verantwortung tragen“, sagt sie. Aber es war klar, dass sie nicht ganz aufhören wollte. Sie hatte drei Olympiasiege und acht WM-Titel, aber sie fühlte sie noch stark genug, und sie wollte ihre vierte Goldmedaille. Langsam arbeitete sie sich wieder zu ihrer alten Form. Um Cora kümmerten sich die Mutter und die Schwester, wenn Boron auf dem Wasser war. Cora war zwar ein Wunschkind, aber Kathrin Boron ist allein erziehend. Im Sommer 2003 starb plötzlich Borons Mutter. Für Kathrin Boron „brach eine Welt zusammen“. Sie hatte ihre Mutter über alles geliebt, sie erlebte die ersten 14 Tage nach der Nachricht, als wäre sie betäubt. Nach zwei Wochen dann „bin ich zusammengebrochen“. Regatten, Training, Olympia – das war plötzlich alles zweitrangig . Sie spürte nur noch Schmerz. In diesen Tagen dachte Kathrin Boron daran, einfach aufzuhören. Zum seelischen Schmerz kamen auch noch praktische Probleme. „Meine Mutter wollte sich ja um das Kind kümmern, wenn ich in Trainingslagern bin.“

Kathrin Boron sagte eine Regatta in Essen ab, sie kümmerte sich nur noch um ihr Kind. Das Kind war Lebensglück und Halt zugleich. „Durch Cora konnte ich viel auffangen“, sagt Kathrin Boron. Sie fing sich so weit, dass sie beschloss, doch weiterzumachen. Vielleicht war der Gedanke an das vierte Olympiagold auch eine Möglichkeit, sich von den Schmerzen über den Tod der Mutter abzulenken. Aber sie hatte zu großen Trainingsrückstand, um die dominierende Rolle von früher spielen zu können. Kathrin Boron fuhr plötzlich hinterher. Immer häufiger fragte sie ihre Trainerin Jutta Lau: „Glaubst du, dass es zu Gold reichen wird?“ Aber Lau konnte nur sagen: „Ich weiß es nicht.“

Schließlich sagte sie: Es reicht nicht. Jedenfalls nicht im Doppel-Zweier. Steig um in den Doppel-Vierer! Mit Boron wechselte auch ihre Doppel-Partnerin Meike Evers in den Vierer. Sieben Wochen nur hatte Boron Zeit, sich auf die anderen einzustellen. Cora war dabei im Trainingslager. Ein Kindermädchen kümmerte sich um sie, während die Mutter auf dem Wasser war. „Als Kathrin Boron ihre Geschichte erzählt hat, beginnt sie wieder leise zu weinen. Aber diesmal spielt Freude dabei keine Rolle. Boron sagt: „Es wäre so schön gewesen, wenn meine Mutter diesen Sieg noch erlebt hätte.“

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