Sport : Gebremst offensiv

Der HSV scheitert an seinen hohen Ansprüchen – vor allem den Stürmern fehlt die Durchschlagskraft

Karsten Doneck[Hamburg]

Zwischen Kurzpässe und Querpässe schlichen sich immer mehr Fehlpässe. Das Bundesligaspiel Hamburger SV gegen Eintracht Frankfurt, schon zuvor wahrlich kein Fußball-Kunstwerk, driftete Mitte der zweiten Halbzeit ins Belanglose ab. Die sonst so leidenschaftlich anfeuernden HSV-Fans in der Nordkurve ertrugen das quälende Ballgeschiebe gleichmütig, fast schweigend. Da musste schon der Zufall der unterkühlten Stimmung in der AOL-Arena auf die Sprünge helfen. Nachdem auf der Anzeigetafel eine Viertelstunde vor Schluss das Ausgleichstor von Borussia Dortmund zum 2:2 bei Werder Bremen aufleuchtete, dröhnte das „Ha-Ess-Vau“ des Anhangs wuchtig wie eh und je durch das Stadion. Die kleine Mathematik reichte dem Fan, um zu wissen, dass der HSV mit einem Sieg gegen Frankfurt bei gleichzeitigem Unentschieden des SV Werder vor den Nordrivalen auf Tabellenplatz zwei vorrücken und damit erster Jäger des FC Bayern sein würde.

Fan-Träume eben. Die Realität sieht anders aus. Werder siegte noch 3:2. Und der HSV, mit schweren Beinen nach dem Uefa-Cup-Auftritt zwei Tage zuvor gegen den FC Kopenhagen, schaffte gegen Frankfurt nur ein 1:1. „Wir sind enttäuscht“, fasste Trainer Thomas Doll die Gemütslage beim HSV zusammen. Dass die Hamburger bislang in allen 15 Pflichtspielen dieser Saison (UI-Cup, Uefa- Cup, DFB-Pokal, Bundesliga) noch ungeschlagen sind, spendete keinen Trost. Zu sehr reift die Erkenntnis rund um den Volkspark, dass diese Mannschaft als ernsthafter Rivale für den FC Bayern auf den Meistertitel wohl noch nicht in Frage kommt.

Besonders im Angriff fehlt dem HSV die Durchschlagskraft. „Wir haben genug Klassestürmer im Kader“, behauptete Doll noch nach dem 1:1 gegen den FC Kopenhagen am Donnerstagabend. Aber ein Emile Mpenza ist nun einmal bei weitem kein Roy Makaay, Benjamin Lauth fehlt die Reife und Abgeklärtheit eines Miroslav Klose. Da besitzt die Konkurrenz aus München und Bremen deutliche Vorteile. Mpenza ist längst ein Problemfall. Weil er allzu oft verletzt ist und auch gegen Frankfurt pausierte, können sich die Mitspieler kaum einmal dauerhaft auf seine Laufwege einstellen. Und Sergej Barbarez, der Hoffnungsträger, wenn vor des Gegners Tor gar nichts mehr geht und am Samstag 34 Jahre alt geworden, fehlt die Beständigkeit. Mal sind seine Leistungen brillant, im nächsten Spiel – wie gegen Frankfurt – missraten sie gründlich. Takahara und der sporadisch eingesetzte Kucukovic bieten auch keine Lösungen der Sturmnot.

Es stellt den HSV-Angreifern kein gutes Zeugnis aus, wenn nach dem Frankfurt-Spiel die Statistik Rafael van der Vaart die meisten Torschüsse bescheinigte, nämlich drei, und David Jarolim die meisten Torschussvorlagen, ebenfalls drei. Beide stehen beim HSV im Mittelfeld. Den Hamburgern liegt es indes fern, die Schuld nur bei den Stürmern zu suchen. „Wir hätten insgesamt mehr für das Offensivspiel tun müssen“, sagte Bastian Reinhardt, ein Abwehrspieler. Daniel van Buyten hatte die Gastgeber erst vier Minuten vor Ende in Führung gebracht, aber in letzter Minute glich Cha für Frankfurt gerechterweise aus. Barbarez, Trochowski und Torwart Stefan Wächter hatten bei dem Gegentor einer nach dem anderen recht hilflos reagiert.

Aufregung macht sich beim HSV auch nach solchen kleinen Rückschlägen nicht breit. „Wir gehen unseren Weg weiter“, versprach Thomas Doll. Unübersehbar ist allerdings, dass die Hamburger in gewisser Weise an die vorige Saison anknüpfen. Da wurde der HSV von einer seltsamen Heimspielschwäche befallen, gab zu Hause von 51 zu holenden Punkten 23 ab. In dieser Saison hat der HSV von neun möglichen Punkten daheim bislang fünf erreicht – und das bei Gegnern wie Nürnberg, Hannover und Frankfurt.

Die wirklich schweren Aufgaben kommen erst noch. Zum Beispiel am nächsten Samstag. Dann geht es gegen den FC Bayern München in der AOL-Arena. Dem gewöhnlichen HSV-Fan schwant Böses. Einer zog auf dem Heimweg nach dem Frankfurt-Spiel einen gar nicht einmal so abwegigen Vergleich: „Das ist eben der Unterschied zwischen den Bayern und uns. Die bringen so eine 1:0-Führung sicher nach Hause, wir nicht.“

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