Sport : Gedankenspiele beim Abwurf

Speerwerferin CHRISTINA OBERGFÖLL will wie in Peking eine Medaille gewinnen. In der Rolle der Angreiferin fühlt sie sich wohler als zuvor.

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Weit weg. Christina Obergföll war in Peking die einzige deutsche Medaillengewinnerin in der Leichtathletik. Mit Bronze wäre sie auch in London zufrieden. Foto: dpa
Weit weg. Christina Obergföll war in Peking die einzige deutsche Medaillengewinnerin in der Leichtathletik. Mit Bronze wäre sie...Foto: dpa

London - Da mögen die Beine noch so schnell nach vorne bis an die weiße Linie rennen und da mag der Arm noch so gut beschleunigen: Auch Speerwerfen ist Kopfsache. Wenn der Kopf nicht frei ist, fliegt auch der Speer nicht so weit, und das hat vor allem Christina Obergföll immer wieder erfahren müssen, weil sie als besonders emotionale Athletin gilt.

Vor den Olympischen Spielen in London hat sich die 30 Jahre alte Leichtathletin aus Offenburg daher viel um ihren Kopf gekümmert. „Ich habe verstärkt mit dem Heidelberger Psychologen Hans Eberspächer zusammengearbeitet. Ich weiß jetzt mit einigen Dingen anders umzugehen“, sagt sie. Und es gibt viele Dinge, die im Speerwerfen belasten können: Es fängt an mit dem Druck in der Qualifikation, geht dann weiter im Finale, wenn eine Werferin vorlegt oder eine andere überholt und die Anzahl der eigenen Versuche immer weniger wird.

Die erste Situation hat sie in London spielend gemeistert. Es war die Qualifikation, in der sie den Speer gleich 66,14 Meter weit fliegen ließ und sich daher gar nicht auf große Gedankenspiele einlassen musste. Früher hatte Christina Obergföll in einer Qualifikation schon einmal mehr Mühe als im Finale, die Erwartungen waren hoch, die Muskeln wurden fest und der Speer fiel einfach zu früh herunter. „Die 66,14 Meter waren gut für den Kopf. Ich bin mir am Donnerstag was schuldig, nachdem ich in den letzten Jahren oft meine Leistung nicht gebracht habe“, sagte sie daher nach der Qualifikation.

Für die Olympischen Spiele in Peking gilt das jedoch nicht. Die deutschen Leichtathleten waren mit großen Erwartungen gestartet. Doch Obergföll war die einzige aus der deutschen Leichtathletikmannschaft, die bei den Spielen in China eine Medaille gewinnen konnte. Es war Bronze.

Mehr als dieses Metall erwartet sie in diesem Finale an diesem Donnerstag (22 Uhr, ARD) auch nicht. „Ich bin sicher, dass man für Silber 70 Meter werfen muss. Ob ich das drin habe, kann ich jetzt nicht sagen.“

Es hört sich auf jeden Fall anders an als vor so manchem Wettkampf in der Vergangenheit, als sie sich wegen irgendwelcher Vorleistungen zusätzlich unter Druck setzte und dann am Ende nicht das erreichte, was sie sich vorgenommen hatte. Ins Finale begleiten sie auch Katharina Molitor und Linda Stahl, die Europameisterin von Barcelona 2010. „Ich habe im ersten Versuch noch nie so weit geworfen. Nun will ich im Finale zwei bis drei Meter zulegen“, sagt Stahl, die sich gerade auf ihren Beruf als Ärztin vorbereitet, über ihre 64,78 Meter.

Die alten Favoritinnen in diesem olympischen Finale sind auch die neuen Favoritinnen, Barbara Spotakova aus Tschechien, die mit 66,19 Meter in der Qualifikation am weitesten warf und Weltmeisterin Maria Abakumowa aus Russland. Mit ihnen will sich Obergföll messen, aber in der Rolle der Angreiferin fühlt sie sich diesmal vielleicht wohler als zuvor in der, es allen zeigen zu müssen. Friedhard Teuffel

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