Sport : Gedoptes Jahr

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Wolfram Eilenberger scheitert an einem Jahresrückblick

Es war kein gutes Jahr für den spanischen Wintersport. Mit zweijähriger Verspätung wurden der stolzen Nation sämtliche Olympiamedaillen ihres Langläufers „Juanito“ Mühlegg aberkannt. Ähnlich gewitzt gedopt sprinteten diesen Sommer Kelly White und mancher USKollege zur WM und stürzten die Leichtathletik in eine weitere Kontrollkrise. Mit neuartige Verfahren werden gelagerte Altproben nun nochmals untersucht. Sportgeschichte wie Medaillenspiegeln droht bis weit vor die Sommerspiele von Sydney eine gründliche Umschreibung.

Radlegende Didi Thurau verlor nachträglich zwar keine Titel (welche auch?), saß nach jüngstem Eigenbekunden aber stets voll gepumpt auf seinem Tour-Sattel. Biograf Boris Becker gab schon zuvor verkaufsträchtig an, ohne Beruhigungstabletten hätte selbst er Wimbledon nicht so oft gewinnen können. Was schließlich Manchesters Dopingschwänzer Rio Ferdinand im Urin hatte, werden wir nie erfahren. Aber da selbst der Sohn des libyschen Staatschefs Gaddafi, Geldclown mit Tribünenexistenz bei Juventus Turin, seinen Muskelaufbau mit Steroiden stimuliert, erhalten wir eine Vorstellung. Derartige Analysen, vielleicht aber nur der ganz normale Überdruck, mögen den deutschen U-20-Nationaltorhüter Alexander Walke bewegt haben, sich kurz vor Beginn seines WM-Turniers per Joint in die Selbstvergessenheit zu rauchen.

Es war kein gutes Jahr für das Image, definitiv nicht. Selbst wenn man es unterließe, den Problemkreis Doping und Drogen mit den tagesaktuelleren Themen der Depression und Zwangsstörung in einen Kontext zu stellen, so wurde er auch 2003 ein Stückchen größer, jener Abgrund zwischen der öffentlich finanzierten Leitvision vom „gesunden Geist im gesunden Körper“ und der Lebenswirklichkeit im Hochleistungsbereich.

Es gibt keinen Anlass, hier Enttäuschung oder gar Entrüstung zu simulieren. Leistungssport ist vieles. Aber gesund war er noch nie. Jedenfalls nicht für die Athleten. Das permanente Aufsuchen der eigenen Grenze zum Zwecke ihrer Überschreitung, als Kernidee des Systems, wirkt hier genauso selbstverheerend wie in anderen Gebieten. Und wenn es um die nackte Existenz geht, bleibt manches Mittel recht. Bei einem Kontrollsystem, das dem Einfallsreichtum der Saboteure notwendig hinterherhinkt, kann man diese Entwicklung zwar bedauern, jedoch nicht stoppen. Es ist deshalb eine dunkle Erwägung wert, ob die Faszination sportlicher Wettkämpfe in Zukunft nicht ohne die Schutzideologie vom reinen, natürlich trainierten Körper auskommen wird.

Worauf Publikumssport aber in keinem Fall verzichten kann, ist die zügige Gewissheit um das Ergebnis, um Sieger und Besiegte. Die langfristige Lagerung entnommener Proben zum Zwecke einer um viele Jahre verspäteten, jedoch wirksamen Kontrolle samt etwaiger Disqualifikation schafft hier eine neue System gefährdende Unsicherheit. Für einen ergebnisorientierten Jahresrückblick 2003 jedenfalls ist es heute noch viel zu früh.

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