Sport : Gefährliche Abhängigkeit

Die deutsche Nationalmannschaft spielt gut, wenn Michael Ballack gut spielt – beim 1:1 gegen Schottland spielte er schlecht

Stefan Hermanns

Glasgow. Michael Ballack erfährt jetzt immer häufiger, was es heißt, Führungsspieler zu sein. Dessen Tätigkeitsbereich nämlich endet nicht an der Begrenzung des Fußballfeldes. Der Führungsspieler trägt die Verantwortung für das große Ganze, und deshalb muss er sich zu den seltsamsten Dingen äußern. Nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Schottland ist Michael Ballack von einem schottischen Journalisten gefragt worden, ob er sich freue, dass Paul Lambert jetzt vielleicht seine Karriere als Nationalspieler beende. „Wieso soll ich mich darüber freuen?“, fragte Ballack zurück.

Dass sich der Mittelfeldspieler vom FC Bayern München inzwischen zu allem und jedem äußern soll, zeigt nur, dass er immer mehr als wichtiger Wortführer im Kreis der Nationalmannschaft angesehen wird; dass er auch ein wichtiger Fußballer ist, weiß man seit längerem. „Endlich: Er ist wieder da!“, hat der „Kicker“ vor dem Länderspiel in Glasgow geschrieben. Nach seiner Verletzung war es für Ballack der erste Einsatz für die Nationalmannschaft in diesem Jahr, und weil die Nationalmannschaft das Publikum zuletzt nicht gerade in Rauschzustände getrieben hat, ist daraus der nahe liegende Schluss gezogen worden, dass die Nationalmannschaft ohne Ballack nicht besonders gut spielt. Seit Samstag aber steht fest: mit ihm auch nicht unbedingt.

Mitte der zweiten Halbzeit war es, als Ballack innerhalb von fünf Minuten drei Fehlpässe spielte. „Ich habe sicher schon bessere Spiele gemacht“, sagte Ballack, „aber ich konnte von mir auch nicht erwarten, dass ich eine Top-Leistung bringe.“ Zwei Tage hatte er nicht mit der Mannschaft trainiert, und erst kurz vor dem Anpfiff entschied sich, dass er trotz seiner Muskelverhärtung in der Wade auflaufen kann. „Auch wenn er keinen guten Tag hat, ist Michael immer in der Lage, ein Spiel für uns zu entscheiden“, sagte Teamchef Rudi Völler. Normalerweise hätte er Ballack in der zweiten Hälfte auswechseln müssen, aber nach dem Ausgleich der Schotten hoffte Völler, dass Ballack noch ein Tor erzielen würde – vielleicht mit einem Kopfball, notfalls nach einem Freistoß oder einer Ecke.

„Es ist schön zu wissen, dass der Trainer auf mich baut“, sagte Ballack. Aber es zeigt auch den hohen Grad der Abhängigkeit der Nationalmannschaft von Ballack. „Sorgen macht mir das nicht“, sagte Völler. Schließlich ist seine Mannschaft nicht die einzige, bei der die Gesamtdarstellung von der Form des wichtigsten Spielers bestimmt wird. Völler vergleicht die Bedeutung Ballacks für sein Team inzwischen immer häufiger mit jener, die Zinedine Zidane für die französische Nationalmannschaft besitzt. Meistens profitieren die Franzosen von dessen Brillanz, aber als Zidane vor einem Jahr bei der WM verletzt fehlte, war die Mannschaft erschreckend hilflos und schied als amtierender Weltmeister schon in der Vorrunde aus.

„Ich glaube nicht, dass Fußball-Deutschland von einem Spieler abhängig ist“, sagte Ballack. Aber welche Bedeutung ihm inzwischen zukommt, hat sich ebenfalls bei der WM 2002 gezeigt. Im Viertelfinale gegen die USA erzielte Ballack das einzige Tor des Spiels, im Halbfinale gegen Südkorea ebenfalls, und als er im Finale nicht spielen durfte, schoss Deutschland gar kein Tor und verlor. Ballack war auch während der WM angeschlagen, und im Nachhinein ist seine spielerische Leistung ein wenig verklärt worden - vor allem wegen seiner entscheidenden Tore. Eigentlich hat Ballack die Erwartungen in vielen Spielen nicht erfüllt, aber das mag auch daran liegen, dass die Erwartungen, die ihn verfolgen wie Küken die Henne, immer ganz besonders hoch sind.

Die Öffentlichkeit sieht Michael Ballack als Spielgestalter, doch ein Regisseur im eigentlichen Sinne, einer, der die großen Dinge regelt, ist er nie gewesen. Ballacks Klasse offenbart sich in kleinen Momenten, die eine große Wirkung entfalten, wie bei der Kombination, die gegen die Schotten das 1:0 durch Fredi Bobic zur Folge hatte. Mit einem lässigen Lupfer leitete Ballack den Ball aus der Luft zum Vorbereiter Torsten Frings und schaltete damit in einem Zug fast die komplette gegnerische Abwehr aus.

Berti Vogts, der Trainer der Schotten, hat Ballack eine fast klassische Manndeckung angedeihen lassen, und für Völler war das ein Zeichen dafür, „dass der Berti vor dem Michael Ballack ein bisschen Angst hatte“. Andererseits ist es bei Kenntnis des vorhandenen Abhängigkeitsverhältnisses nicht die dümmste Methode, sich „unser Herz“ (Völler) vorzunehmen und auf diese Weise gleich die ganze Mannschaft auszuschalten. „Dann müssen die anderen die Lücken nutzen“, sagte Völler, aber das taten weder Frings, noch Schneider, noch Jeremies. Ballack sagte, die Spieler müssten sich in die Pflicht nehmen. Er selbst habe versucht, „auf die Mannschaft einzuwirken. Ich habe sie immer wieder gepuscht.“ Der Effekt aber war gering. „Es fehlen ein paar Persönlichkeiten“, sagte Ballack über die Struktur der Mannschaft. Persönlichkeiten wie er.

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