Sport : Gefährliche Freude

Nur der Fußball gibt den Irakern Hoffnung – heute spielt das Nationalteam im Asien-Finale

Benedikt Voigt

Berlin - Im Irak ist auch die Freude gefährlich. Das hat die Bevölkerung Bagdads am Mittwoch schmerzhaft erfahren müssen. Dabei hatte das irakische Fernsehen die Bevölkerung gewarnt, ihrer Freude nicht durch Maschinengewehrsalven und Pistolenschüssen Ausdruck zu verleihen. Es half nichts. Wieder ballerten viele Menschen nach dem Halbfinalsieg der irakischen Fußballnationalmannschaft beim Asien-Cup wild in die Luft, wieder waren zwei Tote durch Querschläger zu beklagen. Doch es kam noch tragischer. Zwei Selbstmordanschläge mit Autobomben erschütterten die Freudenfeiern in Bagdad, sie töteten 28 Menschen und verletzten 50. Und gaben der Nationalmannschaft eine Mission.

„Die Spieler wollen heute für die Toten und Verletzten vom Mittwoch gewinnen“, sagt Aner Abdul-Wahab Abdul-Hussein. Der ehemalige Torwarttrainer der irakischen Nationalmannschaft hatte nach dem Halbfinalerfolg vor Freude geweint, heute (14.35 MESZ) im Finale des Asien-Cups gegen Saudi-Arabien warten noch größere Emotionen auf ihn. Der Titelgewinn wäre der größte Erfolg einer irakischen Nationalmannschaft. Schon der Finaleinzug steht auf der gleichen Stufe wie die bisher einzige WM-Teilnahme 1986. „Dass diese Mannschaft ihrem geschundenen Volk so ein Geschenk macht, ist großartig“, sagt Bernd Stange. Der 59-Jährige hat den Irak von November 2002 bis Juli 2004 trainiert. Er musste seinen Job erst aufgrund der schwierigeren Sicherheitslage aufgeben. „Ich habe immer noch eine besondere emotionale Beziehung zum Irak“, sagt Stange. Am Mittwochabend riefen ihn fünf seiner ehemaligen Spieler aus Vietnam an, sie wollten ihm vom 4:3 nach Elfmeterschießen im Halbfinale über den WM-Teilnehmer Südkorea berichten. „Sie wollten es mir unbedingt persönlich sagen“, erzählt Stange. Bei seiner letzten Station Apollo Limassol spielten fünf irakische Nationalspieler.

Auch die traditionellen Maschinengewehrsalven nach wichtigen Erfolgen hat er kennengelernt. „Einmal dachten die Amerikaner, sie werden angegriffen“, berichtet der Coach, der unmittelbar vor einem Engagement in Weißrussland steht.

In Gedanken aber ist er bei seiner ehemaligen Mannschaft „Diese Leistung erfüllt mich mit Stolz“, sagt Stange. Er weiß, woher diese Mannschaft kommt. „Wir haben anfangs auf Feldbetten und hölzernen Planken geschlafen“, berichtet Stange, „einmal musste ich die Mannschaft mit einem Toyota-Pickup sammeln, weil die Telefonverbindung zusammengebrochen war.“ Beinahe jeder irakische Spieler hat im Krieg Angehörige verloren, inzwischen sind sie ein bevorzugtes Ziel für Kriminelle. Einige Spieler befürchten Entführungen, falls sie in ihre Heimat zurückkehren. Nicht nur deshalb spielen 15 der 23 Spieler im Ausland, vor allem im Oman, Iran, Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Katar. Eine nationale Fußball-Meisterschaft gibt es im Irak ohnehin nicht. „Nur im Norden gibt es Spiele“, sagt Stange.

Nicht nur deshalb haben die wenigsten Experten mit irakischen Erfolgen beim wichtigsten Fußballturnier Asiens gerechnet. Doch das defensivstarke Team des brasilianischen Trainers Jorvan Vieira ließ nicht nur die aufstrebende Fußballnation China hinter sich, sondern auch die WM-Teilnehmer Australien, Japan und Südkorea. Inzwischen wird Mittelfeldspieler Nashat Akram mit dem englischen Premier-League-Aufsteiger Sunderland in Verbindung gebracht, Arminia Bielefeld soll sich für Hawar Mohammed interessieren. „Einige Spieler gehören in die Bundesliga“, sagt Stange, „sie sind besser als die Iraner Mehdi Mahdavikia oder Ali Karimi.“

Die Karrieren der einheimischen Fußballer werden von vielen interessiert verfolgt. „Der Fußball ist das Einzige, was hier alle Menschen eint, Sunniten, Schiiten und Kurden“, sagt Torwarttrainer Aner Abdul-Wahab Abdul-Hussein. Deshalb wird es bei einem Finalerfolg erneut fröhliche Straßenfeste geben. Ungeachtet aller Maschinengewehrsalven, Querschläger und Selbstmordanschläge. „Die Menschen werden feiern“, sagt Aner Abdul-Wahab Abdul-Hussein, „wir haben ja sonst nichts.“

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