Sport : Gefährliche Gratwanderung

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In einer Gefängniszelle sitzt derzeit ein früherer Leichtathletik-Bundestrainer, verurteilt zu acht Jahren Haft. Mehr als dreihundert Mal hatte er minderjährige Athleten sexuell missbraucht. Jahrelang, weil keiner aufpasste und die Opfer sich nicht zu offenbaren trauten. Die Zeiten haben sich gewandelt, Missbrauch ist zum aktuellen Thema geworden. Eltern, Trainer, Medien sind sensibilisiert.

Aber die Missbrauchs- und Belästigungsdiskussion bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen notwendigem Misstrauen und Hysterie. Und im aktuellen Fall des Schwimmtrainers Stefan Lurz ist bislang nicht klar, ob der Trainer Täter oder Opfer zu großer Fantasie ist.

Die Gleichgültigkeit des Umfeldes der Sportler ist beendet. Endlich. Doch die Frage, wann Fehlverhalten vorliegt, muss von Fall zu Fall geklärt werden. Die Kehrseite lobenswerter Wachsamkeit sind falsche Anschuldigungen – auch sie können Menschen zerstören.

Trainer haben Körperkontakt mit ihren Athleten, anders können sie nicht arbeiten. Kein Eiskunstlaufcoach kann ohne Griff an die Hüften einen Sprung erklären. Und sollte ein Leichtathletiktrainer vor lauter Freude seine minderjährige Athletin umarmen und ihr einen Kuss auf Stirn oder Wange drücken, liegt nicht zwangsläufig ein Fall sexueller Belästigung vor. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend. Eine scheinbar flüchtige Berührung kann schließlich auch schon böse Absicht sein. Jahrelang wurde diese Grauzone einfach hingenommen, aber nie genau ausgeleuchtet. Genau darauf konnten sich Täter verlassen. Seite 22

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