Sport : Gefährliche Hysterie

Politiker und Funktionäre wollen Fußballspiele sicherer machen – drastische Maßnahmen am Montag könnten aber eher zu einer Eskalation der Gewalt führen

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In Westen, nichts Neues. Polizei und Fans, hier beim Spiel Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln, stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Foto: dpa
In Westen, nichts Neues. Polizei und Fans, hier beim Spiel Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln, stehen sich oft unversöhnlich...Foto: picture alliance / dpa

Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, hat der „Sport-Bild“ in der vergangenen Woche ein großes Interview gegeben. Darin spricht der Chef des Deutschen Meisters auch über die Gewalt in den Stadien. Neben einem Lamento über den Werteverfall in der Gesellschaft („Pünktlichkeit, Disziplin“), fällt Watzke dazu ein vom BVB organisierter Besuch der Dortmunder Ultras in Auschwitz ein: „Dort haben alle vor Augen geführt bekommen, wo Gewaltexzesse hinführen können.“

Fußball? Fans? Auschwitz?

Man kann bestürzt sein über die Verdrehtheit dieser Aussage. Man kann sie als den Irrsinn abtun, den Fußballverantwortliche nun einmal gerne erzählen und der von Fußballorganen wie der „Sport-Bild“ dann Woche für Woche verbreitet werden. Man kann Watzke dafür anklagen, den Holocaust in die Nähe von Fußballkrawallen zu rücken. Man muss seine Aussagen aber auf jeden Fall als Beleg dafür nehmen, wie über das Thema Gewalt im deutschen Fußball gesprochen wird: unsachlich, wenig differenziert und bisweilen hysterisch. Für den morgigen Montag hat Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) nach Berlin zum „Runden Tisch zum Thema Fußball und Gewalt“ eingeladen. Vertreter von Politik und Fußball werden dann wohl in ruhigerem Ton diskutieren – einen großen Fortschritt sollte man allerdings nicht erwarten.

Die rund 20 Personen am Runden Tisch sind nahezu identisch mit den Teilnehmern der letzten derartigen Zusammenkunft mit dem Titel „Sicherheit im Fußball“, die Friedrichs Amtsvorgänger Thomas de Maizière (CDU) im April 2010 einberufen hatte. Für den Fußball werden DFB-Präsident Theo Zwanziger und DFL-Präsident Reinhard Rauball anreisen, dazu kommen Politiker wie Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD), der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) als aktueller Vorsitzender der Innenministerkonferenz, Vertreter des Deutschen Städtetags, der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte Michael Gabriel sowie hochrangige Polizeibeamte.

Schon die Teilnehmerliste zeigt: Es soll über die Fans geredet werden, nicht mit den Fans.

Nach der letzten derartigen Zusammenkunft verabschiedeten DFL und DFB einen Zehn-Punkte-Plan, der mehr Sicherheit bringen sollte. Beziehungsweise, wie es Ligachef Reinhard Rauball im typischen fanfernen Duktus der DFL formulierte, das Ziel hatte, „das Liveerlebnis im Stadion noch mehr zu einem risikofreien Vergnügen zu machen“. Unter anderem sollte die Fanarbeit professionalisiert und intensiviert werden, es sollte einen umfassenderen Dialog mit Fans geben. Konsequent wurde dieser Weg aber nicht bestritten: Im streng hierarchischen DFB ist wenig Platz für ergebnisoffenen Dialog, wie der Abbruch der Gespräche mit Befürwortern einer Legalisierung von Pyrotechnik zeigte. Und das oberste Ziel der DFL ist nun einmal die Vermarktung der Klubs, nicht die Betreuung der Fans. In der Ligazentrale in Frankfurt am Main arbeiten Experten für Marketing und TV-Produktion, Sponsoring und Lizenzierung – die Abteilung des Fanbeauftragten ist aber personell chronisch unterbesetzt. Dafür wird bei Sicherheitsbesprechungen penibel darauf geachtet, dass auf allen Schriftstücken das minimal veränderte Logo der DFL prangt – und keinesfalls das beinahe identische aus dem vergangenen Jahr.

Insgesamt entsteht so nicht nur bei Ultras und anderen Fußball-Anhängern der Eindruck, die beiden großen Organisationen des deutschen Fußballs würden sich für ihre Fans nicht interessieren. Auch bei vielen an der Debatte direkt beteiligten Personen spürt man im Gespräch die Frustration darüber, wie oberflächlich und reflexartig das Thema behandelt wird.

Der Bundesinnenminister hat immerhin ein deutliches Ziel für das heutige Treffen formuliert. „Ich habe eine sehr klare Forderung an die Vereine: Nämlich dass sie sich noch mehr als bisher um die Fans kümmern müssen“, sagte Friedrich dem SWR. Unter „kümmern“ hatten viele Klubchefs zuletzt verstanden, härtere Strafen oder längere Stadionverbote zu fordern. Unter dem Eindruck eines von Krawallen begleiteten Pokalspiels zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden sowie mehrerer andere Vorfälle hat sich der Ton in der Debatte deutlich verschärft. Auch ein Alkoholverbot bei der Anreise zu den Stadien und lebenslange Stadionverbote sind plötzlich im Gespräch.

„Im Moment ist eine gewisse Hysterie ausgebrochen, geschürt wieder einmal durch unbedachte Äußerungen von Politikern, Gewerkschaftsvertretern und leider auch Vertretern des organisierten Fußballs“, sagt Thomas Feltes, Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum. Feltes sitzt im Wissenschaftlichen Beirat der DFL, den der Ligaverband nach dem vergangenen Runden Tisch ins Leben gerufen hatte. Einen signifikanten Anstieg der Gewalt kann der Wissenschaftler nicht bezeugen. „Die Sicherheitslage hat sich insgesamt nicht verändert“, sagt Feltes. „Die Sicherheitslage ist nach wie vor gut.“ Wie kommt es dann, dass so viel von einer Eskalation die Rede ist?

Die verlässlichsten Zahlen liefert jedes Jahr der Bericht der polizeilichen Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze. Demnach wurden in der vergangenen Saison bei 750 Fußballspielen mit 17,4 Millionen Stadiongängern zwischen Erster und Dritter Liga 846 Personen verletzt. Die Zahl der Verletzten ist in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben, zuletzt ging die Zahl der Festnahmen leicht zurück. Spektakuläre Fernsehbilder von Randalierern überlagern aber, dass der größte Teil der Spiele in Deutschland friedlich verläuft. Politikern und Funktionären bietet sich dadurch die Gelegenheit, sich mit Forderungen von härteren Strafen oder anderen Maßnahmen zu profilieren.

Die wichtigste deutsche Fanvereinigung „ProFans“ hat in der vergangenen Woche in einem offenen Brief „mehr Sachlichkeit“ in der aktuellen Debatte gefordert. Immer wieder würden verschiedene Aspekte der Thematik miteinander vermischt, das Abbrennen von Pyrotechnik beispielsweise mit Ausschreitungen gleichgesetzt. Durch die pauschale Verurteilung fühlen sich besonders die ohnehin gegenüber Autoritäten misstrauischen Ultras unfair behandelt. Dabei betonen gerade Sozialarbeiter, die in Fanprojekten arbeiten, wie wichtig es ist, die moderaten Kräfte in den Kurven ernst zu nehmen. Matthias Stein, Leiter des Fanprojekts in Jena, betonte vor kurzem, wie kontraproduktiv es sei, Fans auf Auswärtsfahrten stets mit einem massiven Polizeiaufgebot zu begrüßen. „Wem jede Verantwortung abgenommen wird, der verhält sich dann irgendwann auch verantwortungslos“, sagte Stein der „taz“.

Fans machen einerseits gerne laut und deutlich die Unschuldsvermutung für sich geltend („Fußballfans sind keine Verbrecher“), andererseits gibt es in den Kurven ein ebenso massives Misstrauen und eine pauschale Abneigung gegen die Staatsgewalt: „All cops are bastards“, wie es auf Kapuzenpullovern und Plakaten heißt. Professor Thomas Feltes spricht von einer allgemeinen „Aufgeregt- und Gereiztheit“ auf beiden Seiten, die durch die jüngsten Vorfälle und den Ton in der folgenden Diskussion entstanden ist. Feltes warnt die Teilnehmer des Runden Tisches vor übereilten Beschlüssen und plakativen Forderungen. Er befürchtet allerdings, „dass sich die in den letzten Wochen aufgebrochene Kluft zwischen Fans, Vereinen und DFB/DFL verbreitert“.

Sollten sich die Hardliner morgen durchsetzen, droht dem deutschen Fußball tatsächlich eine Eskalation. „Dieser Runde Tisch findet nicht nur ohne angemessene Beteiligung der Fans, sondern auch zu einer sehr unglücklichen Zeit statt“, sagt Thomas Feltes. Man könne nur hoffen, dass alle Beteiligten einen kühlen Kopf bewahren und sich ihrer Verantwortung bewusst sind: „Eine falsche Entscheidung kann das Pulverfass explodieren lassen.“

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