Gefährliche Spiele : Die Extremisten

Der Unfalltod eines Rodlers überschattete die Eröffnung der Olympischen Spiele. Heute gehen sie zu Ende – nach weiteren spektakulären Stürzen. Risiko gehört dazu, sagen junge Skicrosser. Waren die Wettkämpfe in Vancouver zu gefährlich?

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Vancouver 2010 - Bob
Augen zu und durch. Der Eiskanal von Whistler war für viele Athleten zu schnell - nicht nur für die Bobsportler. -Foto: dpa

Als nach dem vorletzten Wettkampftag alle Zuschauer die Eisbahn in Whistler verlassen haben, taucht ein russischer orthodoxer Priester vor dem Eingang auf. „Ich bin mit dem Bus aus Vancouver gekommen“, sagt Wadim Zakharkin und segnet zunächst einmal den Sicherheitsmann an der Tür. Dem nächsten, dem er begegnet, schenkt er eine Ikone, die er zuvor geküsst hat. Schnell richten sich alle Blicke auf den seltsamen Mann, der schließlich erklärt, warum er zur olympischen Bob- und Rodelbahn gekommen ist: „Ich will an der Stelle beten, an der Nodar Kumaritaschwili gestorben ist.“

Unter den Sicherheitskräften macht sich Ratlosigkeit breit. Das schwarze Priestergewand, der weiße Bart, das orthodoxe Kreuz, die gemurmelten Gebete weisen ihn irgendwie als Mann Gottes aus. Doch eine olympische Akkreditierung besitzt der Priester nicht. „Bitte“, sagt Wadim Zakharkin und blickt dem Sicherheitsmann am Eingang in die Augen, „ich habe es meinen georgischen Freunden versprochen.“ Irgendwann kommt der Chef des Sicherheitsdienstes und lässt den Priester in Begleitung eines Untergebenen passieren. „Danke, mein Freund“, sagt Wadim Zakharkin, „Gott segne dich.“

Es ist die langgezogene Kurve Nummer 16, die dem georgischen Rodler am Morgen vor der Eröffnungsfeier zum Verhängnis geworden war. Wadim Zakharkin bleibt stehen und lässt sich den Pfosten zeigen, an den Nodar Kumaritaschwili prallte, nachdem ihn die Geschwindigkeit von rund 150 Stundenkilometern über die Begrenzung der Bahn katapultiert hatte. „Ist es der dritte von links oder von rechts?“, fragt der Priester. „Der dritte von links“, sagt der begleitende Sicherheitsmann, „aber Sie dürfen nicht näher ran.“ Ihn hat inzwischen die kanadische Polizei angefunkt – und zu verstehen gegeben, dass sie überhaupt nicht davon begeistert ist, eine unbefugte Person zum Unglücksort vorzulassen. Der Gemeinte liegt bereits auf dem regennassen Asphalt und murmelt ein Gebet. Als er wieder aufsteht, steckt er sich Kieselsteine zur Erinnerung in die Tasche und sagt: „Man sollte hier ein Kreuz errichten.“ Der Sicherheitsmann hat ein ganz anderes Problem. „Das gibt Ärger“, sagt er.

Die Mission eines orthodoxen Priesters ist offensichtlich bei den Olympischen Winterspielen von Vancouver nicht vorgesehen gewesen. Doch der tragische Trainingsunfall des georgischen Rodlers hat das größte Wintersportfest der Welt verändert. „Natürlich wirft der Tod von Nodar Kumaritaschwili einen Schatten auf diese Spiele“, resümiert Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, „der Zwischenfall wird für immer Teil dieser Spiele sein, das kann man nicht isolieren.“

Auf Schnee und Eis kann man sich schneller bewegen als sonst

Die gefährlichen Spiele – so werden die Wettkämpfe von Vancouver in die Geschichte eingehen. Wenn sie am heutigen Sonntagabend mit der Schlussfeier im BC Place Stadion zu Ende gehen, hat sich die Prophezeiung der „New York Times“ bestätigt, die schon im Vorfeld von den „Perilympics“ gesprochen hatte, in makaberer Anspielung auf die Paralympics.

Dass es tatsächlich waghalsiger zuging bei diesen Winterspielen als sonst, zu diesem Eindruck konnte gelangen, wer die Bilder spektakulärer Stürze sah. Davon gab es diesmal viele. Aber auch abseits der Rennpisten fallen im kanadischen Wintersportort Whistler immer wieder junge Leute auf, die sich in der Fußgängerzone im Rollstuhl oder auf Krücken fortbewegen.

Seit einiger Zeit integriert das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufsehenerregende Sportarten wie Snowboard oder Freestyleskifahren in sein Winterprogramm. Sie sollen das junge Publikum für die Spiele interessieren, bringen aber ein ganz anderes Risikogefühl mit sich. „Es ist fast so, als ob sie noch eine vierte Kategorie hinzugefügt hätten“, sagt Olympia-Historiker David Wallechinsky, „schneller, höher, weiter – und gefährlicher.“ Ein verstörender Trend, findet er.

In Vancouver hat das Skicross seine olympische Premiere gefeiert, eine Art Karrerabahn-Skirennen, bei dem vier Fahrer gleichzeitig auf der Piste gegeneinander fahren. Tatsächlich hat die neue olympische Sportart mit etlichen Stürzen, darunter ein Zusammenprall in der Luft, gehalten, was das IOC sich offenbar versprochen hatte. Der Kanadier Brady Leman beschreibt seine Sportart so: „Du stürzt im Training, du stürzt im Rennen, du wirst im Skicross nicht gesund bleiben.“

Im Snowboard-Freestyle konnte der Mitfavorit Kevin Pearce gar nicht erst antreten, weil er im Training schwer gestürzt war. Gehirn- und Rückenmark sind verletzt, er leidet unter Lähmungserscheinungen und kann nicht mehr richtig sprechen. Beim „Double Cork“ war er auf den Kopf gefallen, einem der kühnen neuen Sprünge, die der Snowboard-Superstar Shaun White bei seinem Olympiasieg in Cypress Mountain unter dem Jubel der zumeist jugendlichen Zuschauer gestanden hat. Bei der Abfahrt der Frauen kamen zehn von 45 Fahrerinnen nicht ins Ziel, weil die anspruchsvolle Piste zu sehr an den Kräften zehrte. Am spektakulärsten stürzte die Schwedin Anja Pärson. Bei einem Sprung über 58 Meter verlor sie in der Luft die Balance, schlug hart auf und schleuderte den Schlusshang hinab – am nächsten Tag stand sie in der Kombination erneut am Start. Und täglich lieferte die Hochgeschwindigkeitseisbahn von Whistler neue Unfälle.

Trotz ständiger Nachbesserungen am Eiskanal kippten am Freitag bei den ersten beiden Läufen des Viererbobwettbewerbs wieder sechs der 25 Hightechschlitten in der Kurve 13 um. Die Piloten nennen sie Fifty-fifty-Kurve – nach den Chancen, die man hat, aufrecht aus ihr wieder rauszukommen. „In dieser Passage ist es nur ein Kampf ums Überleben“, sagt der deutsche Pilot Thomas Florschütz und verbessert sich: „Ums sportliche Überleben.“

Einer, der es nicht geschafft hat, ist Thomas Dürr. Er sitzt im Medienzelt und studiert die Ergebnisse des zweiten Laufes. „Über 150 Stundenkilometer, Wahnsinn“, sagte der Bremser, der eigentlich mit dem Bob Liechtenstein I in dieser Liste auftauchen wollte. Doch nach einem Sturz mit dem Zweierbob hat sich sein Pilot eine Gehirnerschütterung zugezogen, den Viererbob will er nun nicht mehr steuern. „Ich kann verstehen, wenn es ihm wehtut, oder er sich nicht traut“, sagt Thomas Dürr, „ich habe lieber einen Piloten, der sagt, wenn es nicht geht, als einen, der seine gesamte Mannschaft gefährdet.“ Die Piloten von Niederlande I und Schweiz II dachten genauso. „Meine Mutter ist froh, dass ich nicht mehr da hinunter muss“, sagt Thomas Dürr und blickt nach draußen zum Eiskanal. In seiner Heimat Liechtenstein war das Bobfahren nach einem tödlichen Unfall 1956 sogar 40 Jahre lang verboten, erst seit den Neunzigerjahren ist es wieder erlaubt. „Ich mache weiter“, sagt Dürr und sucht in den Ergebnislisten vergeblich nach einer Antwort auf seine Frage, ob er selbst da hätte mithalten können. „Das ist meine Leidenschaft, da muss man durch.“

Auch dem Internationalen Olympischen Komitee gefällt die von ihm selber eingeleitete Entwicklung hin zu den olympischen Risikospielen nicht mehr uneingeschränkt. Präsident Jacques Rogge hat einen Brief an die Organisatoren der Spiele von Sotschi 2014 geschrieben mit der Bitte: „Sorgt für eine sichere Bahn.“ Das IOC habe, so sein Präsident, „nie nach mehr Tempo verlangt, das ist nicht unsere Philosophie.“

Auch der Rodel- und Bobverband will Konsequenzen ziehen und künftig keine Bahnen bauen, die mehr als 137 Stundenkilometer zulassen. Allerdings hat die Erfahrung gezeigt, dass die Geschwindigkeit auf den Bahnen durch den technischen Fortschritt der Bobschlitten und Rodel zunimmt. Der deutsche Bob- und Schlittenverband plädiert dafür, künftig im Bobfahren Rückenprotektoren oder Teflonwesten zuzulassen, damit die Fahrer, wenn sie nach einem Sturz über das Eis schlittern, weniger Schürf- und Brandwunden erleiden.

Sie wollte die Medaille - und holte Bronze mit gebrochenen Rippen

Der Chef der Medizinischen Kommission im IOC will noch nicht bestätigen, dass die Zahl der Unfälle in Vancouver gegenüber vorhergehenden Winterspielen gestiegen ist. „Aber wie üblich sind die Unfälle, die während der Winterspiele passieren, etwas ernsthafter als die während der Sommerspiele“, gibt Arne Ljungqvist zu. „Einige Sportarten hier beinhalten mehr Risikofaktoren.“ Auf Schnee und Eis kann sich der Mensch rutschend oder gleitend einfach schneller bewegen als im Wasser oder auf der Laufbahn.

Das IOC hat eine Untersuchung aller Unfälle von Vancouver angeordnet. „Wir wollen verstehen, was passiert ist“, sagt Arne Ljungqvist, „wir wollen wissen, ob es irgendwelche Gründe gibt, um Regeländerungen anzuregen.“ So könnten im Rodelsport die Qualifikationskriterien angehoben werden, um nur erfahrenere Sportler zuzulassen. „Wir werden die Fähigkeiten der Athleten genau untersuchen“, sagt Rogge, „manchmal muss man den Athleten auch vor sich selbst schützen.“

Damit könnte er auch Petra Majdic gemeint haben. Die 30 Jahre alte Slowenin steht in einem Nebenraum eines Nobelhotels in Whistler und lässt sich von ihren Landsleuten feiern. Der slowenische Verband gibt einen Sektempfang zu ihren Ehren, ein Redner lobt die Langläuferin als Vorbild für die Jugend. Petra Majdic hält anschließend selbst eine Ansprache, die immer wieder von Beifall unterbrochen wird. Sie lächelt, so gut man lächeln kann, wenn man fünf gebrochene Rippen und zahlreiche Hämatome am Oberkörper hat. „Wie es mir geht, kommt darauf an, wie viele Schmerztabletten ich genommen habe“, sagt sie. Kaum zu glauben, dass die Langläuferin mit diesen fünf gebrochenen Rippen viermal 1,4 Kilometer gesprintet ist – und am Ende eine Bronzemedaille gewonnen hat. Sie war beim Aufwärmen ausgerutscht und einen Abhang hinuntergestürzt.

„In jedem anderen Rennen wäre ich wohl nicht mehr gelaufen“, sagt Petra Majdic, „es waren meine letzten Olympischen Spielen, und wenn du jemand sein willst im Sport, brauchst du diese Medaille.“ Offenbar ist auch das nur alle vier Jahre vergebene olympische Edelmetall schuld daran, dass Sportler bei Olympischen Spielen bereit sind, größere Risiken einzugehen. „Die Journalisten, Sponsoren und die Öffentlichkeit denken, das ist das größte Event“, sagt Petra Majdic. Ihr sei es aber neben der Medaille auch darum gegangen, alles versucht zu haben. Nach ihrem Sturz hatten die Ärzte sie ins Krankenhaus bringen wollen – sie aber ging an den Start. Und das gleich viermal. „Ich wollte nicht aufgeben, ohne es versucht zu haben“, sagt Petra Majdic, „es war sehr schmerzhaft, aber der größere Schmerz wäre gewesen, wenn ich bei diesen Spielen nichts gewonnen hätte.“ Von der Medaillenzeremonie am Abend auf der Medal Plaza musste sie im Rollstuhl weggefahren werden.

Im Stadtbild von Whistler fällt sie damit nicht auf. Viele tragen hier eine Schiene am Fuß oder eine Stützbandage am Knie. Susan Whiting ist eine von ihnen. Die 20 Jahre alte Studentin aus Whistler steht auf zwei Krücken vor dem Podium am Village Place und hört eines der vielen Freiluftkonzerte, die während der Olympischen Spiele in ihrem Heimatort stattfinden. Ihr linker Fuß ist geschient, ihr linker Daumen ebenfalls. Sie ist in ihrer Freizeit beim Skifahren gestürzt. „Ich war zu schnell, konnte nicht mehr bremsen“, sagt sie. Auch ihr sei aufgefallen, dass sie nicht als einzige im Ort auf Krücken humpelt. „Mann“, sagt sie, „es ist einfach gefährlich, in dieser Stadt zu leben.“

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