Gefährlicher Wintersport : Kaum zu bremsen

Nach dem tödlichen Trainingssturz des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili kurz vor Beginn der Olympischen Spiele wird über die steigenden Risiken im Wintersport diskutiert. Wo liegen die Grenzen?

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Foto: dpa

Die Rodler starten bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver jetzt von der Frauen-Startrampe. Damit verkürzt sich der Kurs im Whistler Sliding Center um rund 170 Meter. Die Veranstalter hoffen, dass damit die Geschwindigkeiten etwas reduziert werden und die Sicherheit der Fahrer erhöht wird. Aus dem gleichen Grund starten die Rodlerinnen nun von der Startrampe der Junioren. Reaktionen auf den tödlichen Trainingssturz des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili, der nach der Zielkurve aus der Bahn geschleudert wurde und gegen einen Eisenpfosten geprallt war. Ob die Verkürzung wirklich mehr Sicherheit bedeutet, ist bei Fachleuten umstritten. Das Grundproblem bleibt. Wintersport ist teilweise lebensgefährlich, nicht bloß beim Rodeln.

Wo besteht das größte Risiko?

Im Ski alpin ganz bestimmt bei der Abfahrt. Beim legendären Lauberhorn-Rennen in Wengen erreichen die Fahrer Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern. Dazu kommen Sprünge über 30 Meter und mehr. Zudem ist Wengen die längste Abfahrt des Weltcups. In den letzten 30 Sekunden schmerzen die Muskeln enorm, umso schwieriger ist es, die Kontrolle zu bewahren.

Die gefährlichste Abfahrt der Welt ist zweifellos die Streif in Kitzbühel. Die Fahrer stürzen sich zu Beginn quasi ins Nichts: Der Starthang hat eine Neigung von 51 Prozent. Die ersten 100 Meter absolvieren die Fahrer in sechs Sekunden. „Wenn du den Dämonen und deiner eigenen Angst ins Gesicht schauen möchtest und dich bis zum Maximum testen lassen willst, bist du in Kitzbühel richtig“, sagte mal der US-Weltklasseabfahrer Daron Rahlves. Nach dem Starthang kommt die berüchtigte Mausefalle, der steilste Abschnitt der Streif. Neigung: 85 Prozent. Die Fahrer springen bis zu 80 Meter weit. Der Österreicher Stephan Eberharter, Abfahrts-Olympiasieger und dreimaliger Weltmeister, gibt offen zu: „Bei meiner ersten Abfahrt auf der Streif hatte ich Todesangst.“ Beim Zielsprung stürzte im vergangenen Jahr der Schweizer Daniel Albrecht schwer. Er erlitt ein Schädel-Hirn- Trauma und eine Lungenquetschung und fiel ins Koma. Ein Jahr zuvor lag der Amerikaner Scott Macartney bewusstlos im Zielraum. Auch er hatte sich beim Zielsprung schwer verletzt. In diesem Jahr haben die Veranstalter den Zielsprung dramatisch entschärft.

Der deutsche Abfahrer Stephan Keppler, der auch bei Olympia startet, hält die Abfahrt für gefährlicher als die Formel eins: „Wir haben einen Rückenprotektor und einen Helm, aber keine Knautschzone.“ In Kitzbühel stürzte er in diesem Jahr, die Fangnetze fingen ihn auf, er blieb unverletzt. Die Olympia-Abfahrtsstrecke in Whistler Mountain gilt dagegen als relativ einfach zu fahren. Sie ist zwar schnell, hat aber technisch wenig anspruchsvolle Kurven.

Zu schweren Stürzen kommt es auch regelmäßig beim Skispringen. Dort können unerwartete Böen verheerende Folgen haben. Der österreichische Springer Thomas Morgenstern knallte beim Weltcup im finnischen Kuusamo mit voller Wucht auf den Rücken und blieb regungslos liegen. Eine Böe hatte ihn nach dem Absprung erfasst. Er erlitt eine Gehirnerschütterung und Prellungen.

Aber auch beim Bob und Rodeln hat es schon vor Jahren schwere Stürze gegeben. 2004 starb die Rodel- Anfängerin Yvonne Cernota, nachdem sie in Königsee aus der Bahn geschleudert worden war. Und bei Rodel-Weltmeister Felix Loch aus Berchtesgaden rissen zwei Bänder in der Schulter, als er 2008 erstmals auf der Olympiabahn in Vancouver fuhr. In Kurve elf, der Schlüsselstelle der Bahn, hatte er die Kontrolle über seinen Schlitten verloren. Der dreimalige Bob-Weltmeister Andre Lange ist ebenfalls schon mal seitwärts ins Ziel gerutscht. Und US-Snowboarder Kevin Pearce wird nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma vermutlich nie mehr auf einem Board fahren können. An Silvester 2009 hatte er sich bei einem missglückten Sprung schwer verletzt.

Wie groß ist die menschliche Schuld

an solchen Unfällen?

Teilweise sehr groß. Daniel Albrecht ist in Kitzbühel gestürzt, weil er wegen eines Fahrfehlers den optimalen Absprung verpasst hatte. Auch viele andere Stürze auf Abfahrtspisten resultieren aus zu hohem Risiko. Teilweise fahren die Stars brutal an die Tore heran oder bleiben unverantwortlich konsequent auf der schnellsten Linie. Der Kampf um den Sieg oder bestmögliche Ergebnisse treibt viele an die Grenzen des Machbaren.

Auch Thomas Morgenstern trug eine Mitschuld an seinem schweren Sturz . Obwohl Wind wehte, sprang er mit hohem Risiko von der Schanze ab. Snowboarder Pearce wirbelte gleichfalls im absoluten Grenzbereich. Er trainierte einen Sprung, den nur sein US-Rivale Shaun White beherrscht. Sein Ehrgeiz wurde ihm zum Verhängnis. Und auch Kumaritaschwili unterlief offenbar ein tragischer Fahrfehler in der letzten Kurve.

Welchen Einfluss haben Medien und

Sponsoren auf die Risiken?

Einen ungemein großen – und teilweise verhängnisvollen. Beispiel Kitzbühel. Die Abfahrt auf der Streif ist eine Show, die 5,5 Millionen Euro kostet. Das Rennen muss zum Spektakel aufgewertet werden, Sponsoren und TV-Sender fordern es. Deshalb wird die ohnehin schon brutale Strecke noch extra bewässert, damit auf blankem Eis noch spektakulärere Szenen zu übertragen sind. Das Fernsehen denkt an die Quote, die Sponsoren denken an größtmögliche flächendeckende Präsenz. „Die Zuschauer wollen Stürze sehen“, sagt der frühere Abfahrtsweltmeister Patrick Ortlieb aus Österreich. „Nur ernsthaft passieren sollte nichts.“ Doch das lässt sich nicht steuern. Der Zielhang wurde wegen der spektakulären Bilder extra verschärft. Ergebnis: die Stürze von Macartney und Albrecht. 2008 platzte sogar dem extrem risikobereiten US-Fahrer Bode Miller der Kragen. Er beschimpfte die Offiziellen als „verantwortungslos“. Auch Bob- und Rodelbahnen werden teilweise bewusst sehr gefährlich gebaut. Die Veranstalter der Olympischen Spiele in Turin ließen eine extreme Bahn konstruieren, weil sie hofften, so möglichst viele Medaillen zu gewinnen. Als Gastgeber konnten sie öfter auf der Strecke trainieren als andere Nationen. Medaillen gab’s, aber auch Kopfverletzungen und Knochenbrüche italienischer Athleten. Die Strecke in Whistler wurde ebenfalls ausdrücklich als Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut. Die Kanadier konnten auf der Bahn 350 bis 400 Fahrten absolvieren, die Konkurrenten kamen auf ein Zehntel dieser Einsätze.

Welche Rolle spielt das Material?

Eine überragende, gerade bei der Abfahrt. Seit die Ski tailliert sind und damit engere Kurven gefahren werden können, steigen die Belastungen extrem. Inzwischen wirkt in Kurven das Vier- bis Fünffache der Erdbeschleunigung auf die Fahrer. „Diese Kräfte hält der Bewegungsapparat nicht mehr aus. Wir reden von Unfällen, die entstehen, weil das Material fast unkontrollierbar ist“, sagt Hubert Hoerterer, der langjährige Arzt der deutschen Ski-Nationalmannschaft.

Auch Bobs werden technisch immer ausgereifter, in Verbindung mit einer extrem anspruchsvollen Bahn fällt es zunehmend schwer, sie zu beherrschen. Bei der schwierigsten Bob-Bahn der Welt halfen nur noch Radikalmaßnahmen. Im sächsischen Altenberg mussten die meisten Kurven abgerissen und neu gebaut werden. Es hatte akute Lebensgefahr bestanden.

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