Sport : Gefangen im Irrgarten

Mc-Laren und Ferrari streiten sich weiter

Christian Hönicke[Budapest]

Offensichtlich gibt es nur noch zwei Menschen, die von der Spionage-Affäre in der Formel 1 nicht genug bekommen können. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da das Hin und Her um geschmuggelte Geheimdokumente langsam auch dem aufmerksamsten Beobachter wie ein Irrgarten ohne Ausgang vorkommen muss. Verwunderlich ist nur, dass diese beiden Menschen ausgerechnet die Chefs der involvierten Rennställe sind. Was offenbar als Kollaboration zweier unzufriedener Angestellter begann, findet nun seine Fortsetzung in einem erbitterten Kampf zweier überehrgeiziger Bosse. Ron Dennis und Jean Todt nutzen die Angelegenheit dazu, die uralte Fehde zwischen McLaren-Mercedes und Ferrari wieder aufzufrischen, die eigentlich schon mit einem Handschlag beigelegt worden war.

Nachdem Ferrari trotz des Freispruchs für McLaren zu der Interpretation steht, die vom ehemaligen Werksangestellten Nigel Stepney weitergegebenen vertraulichen Daten seien maßgeblich für den Erfolg des Rivalen, sah sich vor dem Rennen auf dem Hungaroring bei Budapest am Sonntag nun Dennis am Zug. In einem erstaunlich offenen Brief teilte der Brite aus. Sein Verteidigungsrundumschwung enthielt neben Rechtfertigungen auch jede Menge Beschuldigungen, unter anderem jene, Ferrari habe Kimi Räikkönens Saisonauftaktsieg in Australien mit einem illegalen Auto errungen.

Das Schreiben ist eine Antwort auf den vom Automobil-Weltverband (Fia) veröffentlichten Briefwechsel zwischen Fia-Präsident Max Mosley und Luigi Macaluso. Letzterer hatte als Vorsitzender des italienischen Motorsportverbands und Mitglied des Fia-Weltrats, der McLaren vor einer Woche zunächst entlastet hatte, eine Bestrafung McLarens gefordert: „Es ist schwer zu rechtfertigen, dass ein Team nicht bestraft wird, obwohl es für schuldig befunden wurde, Artikel 151c des Internationalen SportCodes gebrochen zu haben.“ Der Weltrat hatte geurteilt, McLaren habe durch seinen Chefdesigner Mike Coughlan zwar Besitz über gestohlenes Ferrari-Geheimmaterial erlangt, daraus aber keinen Vorteil gezogen. Nach Macalusos Brief kündigte Mosley eine Berufungsverhandlung an.

Ron Dennis wirft Macaluso mehr oder weniger unverblümt vor, als Ferrari-Marionette gehandelt zu haben. Auch den Verdacht, Ferrari habe im Zuge der Affäre bewusst (Fehl-) Informationen in der italienischen Presse gestreut, äußert der McLaren-Chef erstmals öffentlich. In seiner fünfseitigen Stellungnahme gibt Dennis aber zu, auf Hinweis des ehemaligen Ferrari-Technikers Nigel Stepney gegen den nicht regelkonformen Unterboden des Konkurrenzautos zu Saisonbeginn protestiert zu haben. „Im März 2007 hat Stepney Coughlan kontaktiert und darüber informiert, dass zwei Aspekte am Ferrari seiner Meinung nach nicht regelkonform waren“, schreibt Dennis. „Coughlan hat dies dem McLaren-Management mitgeteilt, und McLaren hat die Fia informiert.“ Zwischen dieser Aktion und dem von Stepney an Coughlan angeblich erst Ende April zugespielten Dossier über den neuen Ferrari gebe es keinen Zusammenhang. In letzterem Fall „handelte Coughlan geheim und vertragsbrüchig mit McLaren, um sich bei anderen Teams zu bewerben“.

Immerhin macht Dennis ein wenig Hoffnung, dass die Formel 1 den Irrgarten der Spione irgendwann verlassen könnte: „Es wäre eine Tragödie, wenn eine der besten Weltmeisterschaften seit Jahren vom Weg abkommen würde.“

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