Sport : Gefestigt auf der Bank

Stefan Hermanns

Ascona - Wenn Arne Friedrich nicht eine derart in sich gefestigte Persönlichkeit wäre, müsste man sich langsam Sorgen um ihn machen. Es haben schon Leute wegen weit geringerer Belobigungen den Kopf verloren. Friedrich aber steckt das alles bestens weg. Bundestrainer Joachim Löw hat ihn tags zuvor sinngemäß als den besten Arne Friedrich aller Zeiten bezeichnet, und auch Philipp Lahm, sein potenzieller Konkurrent auf der rechten Abwehrseite in der deutschen Nationalmannschaft, musste zuletzt zugeben, dass er mit dem Berliner nicht mehr mithalten könne. Während er, Lahm, seit der WM 2006 in seiner Leistung stagniere, habe sich Friedrich noch einmal deutlich verbessert. Im Tischtennis.

Arne Friedrich muss sich im Moment ein bisschen seltsam vorkommen. Vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft haben sich alle über sein hölzernes Spiel mokiert, trotzdem war er als rechter Außenverteidiger Stammspieler. Jetzt wird der 29-Jährige offiziell auf seiner Lieblingsposition als Innenverteidiger geführt, alle loben ihn – und er sitzt nur auf der Bank. Das wird wohl auch heute gegen Kroatien so sein. „Ich gehe nicht davon aus, dass ich beginne“, sagt Friedrich, für den das eine ganz neue Erfahrung ist. Seitdem er 2002 von Rudi Völler ins Nationalteam berufen wurde, hat er eigentlich immer gespielt, 57-mal inzwischen. Friedrich ist ein Trainerspieler, einer, den Trainer schätzen, weil er nicht um jeden Preis auffallen will, sondern einfach seine Aufgaben erfüllt.

Am Tag vor dem Spiel gegen Polen hat Bundestrainer Löw Friedrich die Nachricht überbracht, dass er nicht von Anfang an spielen werde. Friedrich sagt, es sei ein offenes und ehrliches Gespräch gewesen, Löw habe seine Entscheidung sehr vernünftig erklärt. Der Berliner ist wohl in erster Linie ein Opfer der Verhältnisse geworden. Weil Christoph Metzelder nach seiner langen Verletzungspause mit aller Macht Spielpraxis anhäufen soll, bleibt für Friedrich kein Platz. „Wenn was passiert, weiß ich, dass wir eine glänzende Alternative haben“, sagt Löw. Doch je mehr Spiele Metzelder erst einmal bestritten haben wird, desto geringer werden Friedrichs Einsatzchancen.

Ob Löw ihn mit seinem außergewöhnlichen Lob vielleicht bei Stimmung habe halten wollen, wurde Friedrich gestern gefragt. „Bei Stimmung halten muss er mich nicht“, antwortete er. Er sei auch kein Stinkstiefel, der hintenherum irgendwas zu arrangieren versuche. Nein, Friedrich trainiert jetzt noch mehr und noch härter. So hat er das auch in der abgelaufenen Saison gehalten, als es weder für ihn noch für Hertha BSC besonders gut lief. Friedrich engagierte eine Mentaltrainerin, mit der er privat zusammengearbeitet hat. „Sie konnte mir sehr viel vermitteln“, sagt er. Wie man sich zum Beispiel im Kopf auf bestimmte Situationen vorbereitet.

Friedrich weiß, dass schon bald eine Situation auf ihn zukommt, für die es keine einfache Lösung gibt. Im nächsten Sommer läuft sein Vertrag bei Hertha BSC aus, sieben Jahre hat er dann für die Berliner gespielt, er ist Kapitän, aber genügt Hertha seinen Ambitionen noch? Seine Konkurrenten in der Nationalmannschaft spielen alle in der Champions League, Friedrich konnte sich sportlich nicht einmal für den Uefa-Cup qualifizieren. „Ich werde mir sehr gut überlegen, wie die Karriere weitergeht“, sagt Arne Friedrich. „Ich kann mir schon vorstellen, einen Wechsel in Betracht zu ziehen.“ Stefan Hermanns

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