Sport : Gefühl entscheidet

Am Sonntag startet das erste der drei letzten Saisonrennen der Formel 1 – worauf es in Monza ankommt

Frank Bachner

Monza. Für Michael Schumacher ist die Dramaturgie ganz eindeutig festgelegt. „In den nächsten beiden Rennen fällt die Vorentscheidung im Titelkampf“, sagte der fünfmalige Formel-1-Weltmeister auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt. Spannender als im Moment kann es nicht zugehen in der Formel 1. Schumacher, der Ferrari-Pilot, führt mit 72 Punkten in der Gesamtwertung, Juan Pablo Montoya im BMW-Williams liegt einen Punkt dahinter, und Kimi Räikkönen (McLaren-Mercedes) liegt wiederum nur einen Punkt hinter Montoya. Das Rennen am Sonntag, der Große Preis von Italien in Monza (14 Uhr, live in RTL) hat fast Finalcharakter. Für Michael Schumacher begann das Heimspiel in Monza gestern mit einer Enttäuschung. Er fuhr im ersten Qualifikationstraining nur auf den dritten Platz. Schnellster war Schumachers schärfster WM-Rivale Juan Montoya (Kolumbien) im Williams-BMW vor dem Brasilianer Rubens Barrichello.

In Monza muss man schnell sein, um zu gewinnen. An vier Stellen der Hochgeschwindigkeitsstrecke rasen die Fahrer mit 330 bis 350 Stundenkilometern über den Asphalt. Eigentlich kommt der Kurs deshalb BMW-Williams entgegen. Deren Fahrzeuge haben mit rund 900 PS die stärksten Motoren. Ferrari kommt auf rund 885 PS, McLaren-Mercedes auf rund 870. Doch auch Ferrari und McLaren haben Chancen. Vor allem an der Schlüsselstelle des Kurses kommt es auf das Können und die Fitness der Fahrer an.

Im Folgenden beschreiben wir den Kurs in seinen Einzelheiten und fragen, wer hat wo die besten Chancen?

Schikane nach der Startgeraden: Die Fahrer bremsen von 350 Stundenkilometern, die sie auf der Startgeraden erreicht haben, auf 70 Stundenkilometer herunter. Hier ist die Aerodynamik eines Fahrzeugs sehr wichtig. Es muss enormen Abtrieb, sprich Haftung haben, sonst landet es im Kiesbett. Denn der Fahrer muss hart einlenken, das Auto ist in diesen Sekunden instabil, und wenn das Fahrzeug da nicht enorm auf den Boden gepresst wird, bricht es aus. Es ist der gleiche Effekt, als würde man unvermittelt von sandigem Untergrund auf Glatteis kommen. Die aerodynamische Wirkung bei allen drei Fahrzeugen ist nahezu gleich gut. Hier kommt es daher auf die Fähigkeit des Fahrers an. Er muss so spät wie möglich bremsen, aber rechtzeitig genug, damit er nicht zu schnell in die Kurve rast und vom Asphalt fliegt. Als Bremspunkt dienen Fahrern optische Signale wie etwa ein Schild, das sie gut sehen können. Das größte Fahrgefühl hat unverändert Michael Schumacher, hier hat er, wenn auch geringe, Vorteile.

Curva Grande: Die erste große Kurve nach dem Start bietet BMW-Williams leichte Vorteile. Denn in diesem Abschnitt ist nicht bloß ein guter Abtrieb wichtig, sondern auch eine gute Motorenleistung. Je stärker ein Auto am Boden haftet, umso mehr muss ein Motor leisten, um es weiterhin auf Optimalgeschwindigkeit (in dieser Kurve rund 295 km/h) zu halten.

Curva della Roggia: Hier gelten die gleichen Regeln wie bei der ersten Kurve.

Curva di Lesmo: Hier spielt die Traktionskontrolle eine sehr wichtige Rolle. Die Fahrer beschleunigen sehr schnell aus der Kurve, und wenn in diesem Moment ein Rad durchdreht, dann ist das Auto nicht mehr kontrollierbar. Die Traktionskontrolle verhindert allerdings, dass die Räder durchdrehen. Die Traktionskontrollen aller drei führenden Konkurrenzfahrzeuge sind nahezu gleichwertig. Wieder kommt es auf das Fahrgefühl eines Piloten an. Wer hier möglichst wenig bremst, kommt am schnellsten durch.

Variante Ascari: Auch hier kommt der Traktionskontrolle enorme Bedeutung zu.

Curva Parabolica: Die Schlüsselstelle schlechthin in Monza. Denn in dieser 180-Grad-Kurve wirkt das dreifache Körpergewicht auf einen Fahrer. Diese enorme Last muss er mehrere Sekunden aushalten, und das insgesamt 53 Mal. Es ist, als müsste der Fahrer zwei gefüllte 20-Liter-Wassereimer tragen. Hier schälen sich die Spitzenfahrer heraus. Nur sehr durchtrainierte Fahrer können konstant die Optimalgeschwindigkeit von 170 Stundenkilometern halten. Andere gehen irgendwann mehr als notwendig vom Gas und verlieren dadurch wertvolle Zeit. Michael Schumacher gilt als gut durchtrainiert, Montoya nicht unbedingt. Trotzdem hat der Kolumbianer 2001 in Monza gewonnen.

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