Sport : Gefühliger Koloss

Kugelstoßer Ralf Bartels zeigt wieder einmal das Beste zum Schluss und feiert EM-Gold

Friedhard Teuffel[Göteborg]

Als Ralf Bartels nichts mehr half, versuchte er es mit Gefühl. Das ist auf den ersten Blick nicht so leicht vorstellbar, denn der Mann aus Neubrandenburg wiegt 125 Kilogramm und in seiner Disziplin kommt man eigentlich vor allem mit Wucht besonders weit. Doch um sich noch einmal zu steigern und mit dem letzten Stoß noch eine Medaille zu gewinnen, war Kraft allein zu wenig. Also versuchte er, alles in seinem Körper feinstens aufeinander abzustimmen vom Angleiten auf dem Ring bis zum Abstoß. Mehr Geschwindigkeit und Kraft legte er auch hinein in diesen letzten Versuch, und das Endergebnis konnte sich sehen lassen: 21,13 Meter - Europameister im Kugelstoßen. „Im letzten Versuch hat das Gefühl einfach gestimmt“, sagt er.

Nicht einmal sein Trainer Gerald Bergmann wusste genau, was Bartels in seinem letzten Versuch verändert hatte, womit er sich noch einmal um 56 Zentimeter steigerte. „Das wird Ralfs ewiges Geheimnis bleiben“, sagt er und freute sich über seinen selbständigen Athleten. „Das war typisch Ralf Bartels. Ein Wettkampf im Kugelstoßen ist erst zu Ende, wenn Ralf Bartels seinen sechsten Stoß gemacht hat.“

Das war schon bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Helsinki so gewesen, als sich der 28 Jahre alte Sportsoldat mit seinem letzten Versuch noch die Bronzemedaille sicherte. Der Wettbewerb bei den Europameisterschaften in Göteborg dauerte allerdings im Grunde über Bartels’ letzten Versuch hinaus. Er war erst zu Ende, als das Kampfgericht sich noch einmal zusammengesetzt hatte. Es musste über einen Protest der dänischen Mannschaft entscheiden. Die glaubte, dass Joachim Olsen in seinem letzten Versuch doch noch weiter gekommen war als Bartels. 21,04 Meter hatten die Kampfrichter gemessen. Olsen saß gemeinsam mit Bartels im Warteraum und wusste nicht einmal selbst von dem Protest. Doch das Kampfgericht bestätigte schließlich das Ergebnis. Bartels gewann vor dem Weißrussen Andrej Michnewitsch und Olsen.

Bartels hatte eigentlich schon auf die Siegerehrung gewartet. „Wir hatten schon die Aufkleber dafür auf die Jacken geklebt bekommen“, berichtete Bartels. Doch wegen des Protests bekam er seine Goldmedaille erst einen Tag später. So hatte er immerhin noch ein wenig Zeit, alles auf sich wirken zu lassen. „Ich habe in der Nacht vielleicht zwei Stunden geschlafen“, sagte er. Zur Ruhe ist er jedenfalls nicht gekommen, „ich habe erst einmal alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen“. Das dauerte alles länger als bei der WM in Helsinki. „Dort war ich gleich sehr emotional dabei und habe auch ein paar Tränen verdrückt. Das kommt ja bei einem etwas kräftigeren Menschen ganz gut an.“

Die Goldmedaille sieht Bartels vor allem als Fleißabzeichen für die geleistete Arbeit. „Man hat so viel hineingesteckt", sagte er. Es war auch Auszeichnung für eine Kleinstmannschaft. Denn gemeinsam mit Bartels stand noch der Thüringer Andy Dittmar im Finale und wurde am Ende Siebter. Beide unterstützten sich gegenseitig. „Wir haben uns überlegt, wann eigentlich zum letzten Mal zwei Deutsche in einem Finale standen. Wir haben länger zurückgedacht und uns ist keines eingefallen“, sagt Bartels.

Von sich aus kommt er auf das Thema zu sprechen, das die Leichtathletik im Ganzen und gerade auch das Kugelstoßen im Einzelnen belastet. Er habe sich etwas über die Dopingkontrollen gewundert. „Im Training werde ich eigentlich pro Jahr 12 bis 14 Mal kontrolliert. Vor der Europameisterschaft bin ich aber auffallend wenig kontrolliert worden. Das passte nicht zu dem sonstigen Schnitt“, sagt Bartels. Und es passte auch nicht zu der Ankündigung der Leichtathletik-Verbände, die Manipulation konsequenter zu verfolgen.

Während der Weltrekord im Kugelstoßen des Amerikaners Randy Barnes aus dem Jahr 1990 bei verdächtigen 23,12 Metern liegt, hat Bartels erst viermal weiter gestoßen als in Göteborg. Er vertraut wohl weiterhin vor allem auf seinen Trainingsfleiß, sein Gefühl und seinen Körper. „Da sind auch ein paar überflüssige Gramm zuviel dran, aber man braucht ja auch Masse hinter der Kugel.“

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