Sport : Gefühlt und für überheblich befunden

Ihre überraschende Pleite setzt die Friedrichshafener Volleyballer in der Stadt moralisch unter Druck

Frank Bachner

Berlin. Die Eltern haben sogar einen Protestbrief aufgesetzt. Die Schule platzt aus allen Nähten, schrieben sie den Stadträten, sie braucht dringend neue Räume. Aber sie bekommt keine neuen Räume, die Grund- und Hauptschule Friedrichshafen-Ailingen. Die erste Bauphase hätte 400 000 Euro gekostet, die Stadt beschloss gerade, das sei zu viel. Der Ausbau der Messehalle 1, der Ausbau auf 4000 Zuschauerplätze, kostet viel mehr. Fünf Millionen Euro. Aber dieses Geld ist da. In der Messehalle 1 tragen die Volleyballer des VfB Friedrichshafen ihre Europapokal-Spiele aus, „die Halle“, sagt Ulf Quell, der VfB-Teammanager, „ist maßgeschneidert fürs Volleyball“. Das ist jetzt das Problem. Denn der VfB Friedrichshafen, der Überflieger der Bundesliga, ist am Sonntag im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft an Wuppertal und der eigenen Überheblichkeit gescheitert, er ist deshalb nicht mal in der Champions League, er braucht erst mal keine 4000 Zuschauerplätze.

Und deshalb ist die Pleite des VfB nicht in erster Linie eine sportliche Blamage. Bedeutsamer ist sie für die gefühlte Stimmung in der Stadt. Volleyball ist Volkssport in Friedrichshafen, aber durch die ganzen Titel sind sie verwöhnt am Bodensee. Und jetzt, sagt ein intimer VfB-Kenner aus Friedrichshafen, kann es sein, dass die Leute aufrechnen. Sparen am neuen Chemiesaal, klotzen für eine überdimensionierte Halle, wie passt das? Wenn er so denke, sagen andere aus Friedrichshafen, sei das schon richtig. „Es wäre schön gewesen, wenn wir mit dem Meistertitel in die neue Halle eingezogen wären“, sagt Quell. Der Titel hätte die 4,7 Millionen gerechtfertigt. Er hätte aufgebrachte Eltern, die im Zweifelsfall VfB-Fans sind, einigermaßen beruhigt.

Das Finanzielle, das bekommen sie in Griff. Es springt ja kein Sponsor ab wegen der Pleite. Die beiden Großsponsoren haben langfristige Verträge, „da ändert sich nichts“, sagt Quell. Der VfB könnte sogar viel sparen. Wer in der Champions League spielt, muss einen TV-Sender vorweisen, der die Spiele überträgt. „Mindestens 150 000 Euro Produktionskosten haben wir in dieser Saison bezahlt“, sagt Quell. Doch jetzt spielt der VfB als Pokalsieger nur im zweitrangigen Top- Teams-Cup, da ist TV-Präsenz keine Pflicht. Andererseits: für den VfB schon. „Unsere Sponsoren wollen natürlich ins Fernsehen“, sagt Quell, „was sollen wir in der neuen Halle ohne Fernsehen?“ Deshalb muss er nun mühsam bei TV-Anstalten anklopfen.

Und gleichzeitig muss er jetzt Zuschauer anlocken. In der Champions League ging das ja noch locker. Aber der Top-Team-Cup ist für VfB-Fans ein Verlierer-Wettbewerb. Sie haben andere Maßstäbe, ihnen wurden auch von den lokalen Medien andere Erwartungen suggeriert. Zum dritten Halbfinal-Spiel gegen Wuppertal kamen gerade mal 900 Zuschauer, eine Lokalzeitung hatte nicht mal einen Fotografen geschickt, weil sie fest mit dem Finaleinzug des VfB gerechnet hatte. Zu Bundesliga-Topspielen kommen höchstens 1500 Zuschauer. Es fehlt einfach der Reiz. Bis zum Beginn der Play-offs hat der VfB gerade mal ein Spiel verloren.

Dafür steigt die Empfindlichkeit bei Niederlagen. Die 4,7 Millionen Euro für neue Zuschauerplätze werden ziemlich sicher wieder ein großes Thema. Die Zustimmung im Stadtrat für den Ausbau war jedenfalls denkbar knapp.

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