Sport : Gegen alle Widerstände

Wolfgang Müller fährt beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring mit, obwohl ihm ein Arm fehlt. Es ist für ihn eine Demonstration seines Selbstbewusstseins.

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Unterwegs gegen Vorurteile. Rennfahrer Müller mit seinem Auto. Foto: promo
Unterwegs gegen Vorurteile. Rennfahrer Müller mit seinem Auto. Foto: promo

Berlin - Wenn die Motoren auf der Nordschleife des Nürburgrings an diesem Wochenende zum vierzigsten Mal aufheulen, gehen die Autos namhafter Autohersteller an den Start des PS-Spektakels, sowie viele kleine Privatteams. Unter ihnen ist auch Wolfgang Müller, ein einarmiger Rennfahrer.

„Wolfgang, du wirst dir deine Schuhe niemals selbst zubinden können“, sagte ihm seine Turnlehrerin einst, als er drei Jahre alt war. Ein fieser Spruch oder die notwendige Dosis Realität? Müller kann heute darüber lachen. Auch wenn er damals heulend nach Hause lief, am nächsten Tag demonstrierte er dem versammelten Kindergarten, dass er doch seine Schuhe selbst binden kann. Sein Vater hatte mit ihm geübt.

Dieses Ereignis hat Müller geprägt, dem durch eine Nabelschnurabbindung von Geburt an der linke Unterarm fehlt. Geht nicht, gibt’s nicht – das war fortan seine Devise. Dabei nahm der Sport eine zentrale Rolle in seinem Leben ein, denn hier stellten sich dem gebürtigen Duisburger objektive Herausforderungen. Anders im „normalen“ Leben, wo ihm viele Wege von vornherein verbaut zu sein schienen.

Der Führerschein zum Beispiel, für die meisten Jugendlichen eine Standardübung vor dem 18. Geburtstag. Für Wolfgang Müller stellten die Behörden volle 27 Auflagen fest. Damit wäre ein Auto für ihn unbezahlbar geworden. Aber Müller widerlegte jedes Vorurteil einzeln und heute darf er fahren wie alle anderen auch. Beim Deutschen Motorsportbund gab es für die Rennlizenz der Klasse C weniger Probleme. Dort zählte mehr die Leistung als die Optik.

Dass der Anfang im Motorsport auch nicht einfach war, hing weniger mit seiner Behinderung zusammen – es wollte ihn einfach kaum jemand unterstützen. Zahlreiche Briefe schrieb er damals an alle großen Autobauer. Nur einer antwortete ihm überhaupt. In den ersten fünf Jahren ging er mit einem umgebauten Opel Astra an den Start. Von der Leistung her waren sie damit, selbst in der Diesel-Klasse, meilenweit unterlegen. Dennoch gelangen ihm und seinem Team beachtliche Ergebnisse, wie zum Beispiel ein Klassensieg im Jahr 2009 und Rang 91 von 170 Fahrzeugen. Seit zwei Jahren fährt er mit werksunterstütztem Auto.

Auf der Nordschleife fährt Wolfgang Müller nicht nur aus eigenem Vergnügen. Größer als alle Sponsoren klebt das Zeichen seines Vereins Pro Handicap auf den Türen seines Audi TT. Der Verein versucht durch zahlreiche karitative Aktionen das Leben von Behinderten einfacher zu machen und etwas Besonderes in deren Leben zu bringen. Deshalb lädt Müller, trotz all dem Stress der Rennvorbereitung, jedes Jahr Gruppen zu einem Besuch auf dem Nürburgring ein.

Nach dem Rennen kann sich der Angestellte einer Duisburger Baufirma wieder seinen Schülern in der firmeneigenen Akademie widmen. Und seinem Verein Pro Handicap. Stress hat Wolfgang Müller deswegen aber nicht. Wer mit 260 PS und einem Arm die Nordschleife meistert, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen.

Wenn Müller heute zurückblickt, dann würde er schon gerne noch das ein oder andere klärende Gespräch mit Menschen aus seiner Vergangenheit führen. „Nicht um mir Genugtuung zu verschaffen, sondern um den Leuten zu zeigen, dass ihr Verhalten nicht richtig war“, sagt Müller. Seine Turnlehrerin von damals hat er nie wieder gesehen.

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