Sport : Gegen die Bequemlichkeit

Mit der Wahl von Dick van Burik zu Herthas neuem Kapitän beweist die Mannschaft Charakter

Stefan Hermanns

Tschagguns. Es ist noch nicht lange her, dass Dieter Hoeneß sich genötigt sah, in der Sache Dick van Burik an die Öffentlichkeit zu gehen. Herthas Manager hatte die Journalisten kurzfristig zur Pressekonferenz an den Swimmingpool des Mannschaftshotels gebeten. Neben ihm saß van Burik, der mit einem markigen Interview einigen Wirbel ausgelöst hatte. Nun aber hockte der Holländer kleinlaut neben Hoeneß, und bei dieser Gelegenheit musste er alle vereinskritischen Äußerungen widerrufen, die am selben Tag in einer Boulevardzeitung gestanden hatten. Sechs Monate sind seitdem vergangen.

Dick van Burik hat im vergangenen halben Jahr beim Berliner Fußball-Bundesligisten eine seltsame Karriere gemacht. Im Winter noch galt er als Abschiebekandidat – ohne Stammplatz, von Verletzungen geplagt und mit auslaufendem Vertrag. Jetzt ist der 29-Jährige bis 2006 an den Verein gebunden, längst wieder unumstrittener Abwehrchef und seit dieser Woche sogar Kapitän der Mannschaft. „Das mag für den einen oder anderen überraschend sein“, sagt Hoeneß. „Aber wie Dick sich seit dem Winter verhalten hat, das prädestiniert ihn für eine solche Aufgabe. Weil er unter Druck seine Leistung gebracht hat.“

Nach Axel Kruse, Kjetil Rekdal und Michael Preetz ist van Burik Herthas vierter Kapitän seit dem Bundesligaaufstieg 1997. Von seinen Vorgängern ist er am ehesten mit Rekdal zu vergleichen. Auch der Norweger war bei Hertha Abwehrchef, und während Preetz die Mannschaft mehr nach außen vertreten hat, ist Rekdal seiner Verantwortung vor allem auf dem Platz nachgekommen. Bei van Burik könnte es ähnlich sein. „Was außerhalb des Platzes auf mich zukommt, weiß ich noch gar nicht“, sagt er.

Für die sportliche Führung war Rekdal immer ein unbequemer Partner. Und auch van Burik ist dafür bekannt, dass er seine Meinung vehement vertritt. Im Januar hat er nicht zum ersten Mal Ärger mit Hoeneß gehabt. Schon ein Jahr zuvor hatte der Manager den Holländer nach einem Interview im „Tagesspiegel“ attackiert; van Burik war von der heftigen Reaktion überrascht und enttäuscht, vor allem deshalb, weil er das Verhältnis zu Hoeneß bis dahin als ausgesprochen vertrauensvoll empfunden hatte.

Herthas Manager sagt, der Kapitän müsse auch mal gegen den Strich reden – „aber nicht aus Prinzip, sondern damit es die Mannschaft weiterbringt“. Als Drohung der Mannschaft an die Vereinsführung ist die Wahl van Buriks nicht zu verstehen, auch wenn der neue Kapitän sagt: „Ich werde mich menschlich nicht verändern.“ Es war Trainer Huub Stevens selbst, der seinen Landsmann als Kandidat für das Amt vorgeschlagen hatte. Andererseits hat Stevens oft gesagt, wer Kapitän werde, sei für ihn nicht wichtig. Dabei ist die Wahl ein wichtiges Instrument des Trainers, um Einfluss zu nehmen. Als Stevens im März 1992 Interimstrainer beim PSV Eindhoven wurde, ersetzte er den etablierten Kapitän Erik Gerets durch Gerald Vanenburg. Der introvertierte Vanenburg sollte so gezwungen werden, stärker aus sich herauszugehen und seine Verantwortung für das gesamte Team zu spüren.

„Dick ist ein würdiger Kapitän“, sagt Hoeneß. „Er ist reifer und härter geworden, auch zu sich selbst.“ Für die Vereinsführung ist die Wahl die beste Garantie dafür, dass die Mannschaft ihr selbst ernanntes Saisonziel, die Champions League, ernsthaft verfolgt. „Es spricht für die Mannschaft, dass sie jemanden will, der Klartext redet“, sagt Dieter Hoeneß. Die bequemste Wahl ist van Burik ganz sicher nicht. Für niemanden.

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