Sport : Gegen die Krise laufen

Wie der 60 Jahre alte Jürgen Mücke durch ein Fernsehprojekt zum Marathonmann wurde

Helen Ruwald

Berlin. An seinem 60. Geburtstag im August 2002 blieb Jürgen Mücke einfach im Bett liegen. Sechzig! Das musste der Anfang vom Ende sein. Zumal für ihn, den kleinen Mann mit dem Kugelbauch, der sich vor ihm so wölbte, dass er die Anzeige seiner Waage nicht mehr sehen konnte. 95 Kilo bei 1,67 Meter, extra lange Schuhlöffel, weil bücken unmöglich war, Konfektionsgröße 27,5. Im neuen Lebensjahr würden sich „wieder neue Kilos ansammeln, und dann habe ich meinen eigenen Schneider und längs gestreifte Kleidung, schlank machend“, notierte der Architekt aus Altglienicke voller Ironie. „Was habe ich denn für die Gesundheit getan? Wein und ein kühles Blondes, dafür den Arm heben und senken.“ Seine Ehefrau Iris, Sohn Christian, Freunde und Nachbarn gingen regelmäßig joggen – er mixte derweil Cocktails, die er ihnen bei ihrer Rückkehr servierte. Er selbst lief auch, „nachts, heimlich, zum Kühlschrank“.

Mücke ist hager geworden, er wiegt nur noch gut 70 Kilo, trägt Kleidergröße 46/48 – und braucht beim Wiegen keinen Spiegel mehr. Alles ohne Diät, auch wenn er inzwischen auf Olivenöl, Magerquark und Vollkornprodukte schwört. Laufen hat ihn schlank, glücklich und tatsächlich ein bisschen süchtig gemacht. Marathonlaufen. Im November 2003 lief er die 42,195 Kilometer in New York in 4:38:30 Stunden.

Heute ist Mücke – das ist sein Nachname und Spitzname zugleich – bei den „25 km von Berlin“ am Start. Es ist nicht mehr als ein Trainingslauf auf dem Weg zu den Marathons in Stockholm und Berlin. In Berlin wollen auch die sechs anderen Hauptfiguren aus der ARD-Dokumentation „Von null auf 42“, die in den vergangenen Tagen ausgestrahlt wurde, dabei sein. Sieben unsportliche, teils stark übergewichtige Menschen sollten nach nur einem Jahr Training fähig sein, einen Marathon zu bewältigen – und schafften es tatsächlich. SWR und NDR hatten zu dem Projekt aufgerufen, 17 000 Bewerbungen gingen ein.

Mückes Teilnahme begann mit einer Schummelei. Ohne, dass er davon wusste, schrieb seine Frau eine Bewerbung: „Ich, Mücke, der ausgeprägte Optimist, bin 60 geworden und hatte an diesem Tag meine erste Altersdepression. Ich will mich unbedingt aus der Krise winden und 80 werden.“ Mücke war über die ungewollte Bewerbung zunächst perplex, füllte aber bereitwillig einen Fragebogen aus – er würde ja ohnehin aussortiert werden, dachte er. Doch für den SWR war er der ideale Kandidat. Der Arzt und frühere 5000-Meter-Europameister Thomas Wessinghage arbeitete die Trainingspläne für die Gruppe aus, die durchgehend medizinisch betreut wurde. Mücke betrachtete das Projekt als große Chance. „Ich habe Druck gebraucht, und ich wollte meine Frau nicht enttäuschen“, erzählt er. Mit der Bewerbung habe sie gezeigt, „dass sie mich liebt und will, dass ich ihr noch eine Weile erhalten bleibe“. Gesund, ohne Herzinfarkt.

Mücke hielt sich gewissenhaft an den Trainingsplan, was nicht einfach war. Den vorgegebenen Puls „hatte ich schon nach den drei Stufen vor der Haustür erreicht und musste sofort eine Gehpause einlegen“. Aber er biss sich durch – und nahm in 16 Wochen 16 Kilo ab. Wer ihn lange nicht gesehen hatte, hielt ihn für krank, dabei fühlte er sich gesünder denn je. Die Mitarbeiterinnen seines Architekturbüros und seine Familie begleiteten ihn beim Training – und tun es heute noch. Sein Freund Ecki wurde zum persönlichen Trainer, bis dahin unbekannte Nachbarn schlossen sich der Mücke-Laufbewegung an. Sie waren neugierig geworden, weil immer wieder ein Kamerateam des SWR vorfuhr, um die Trainingsfortschritte zu filmen.

Aus dem Experten für gutes Essen wurde ein Fachmann für Powergels, Laufschuhe und Dehnungsübungen. Akribisch hält der Computerfan jede Trainingseinheit fest: Laufstrecke, Kilometerzahl, Wetter, Begleiter. Und manchmal eine Strafrunde von 400 Metern, „nach einem Bier oder Wein“. Vom Projektstart bis New York lief er 2000 Kilometer. Früher wäre es für ihn undenkbar gewesen, auch nur die Entfernung zwischen zwei Bushaltestellen zu rennen. Im November, in New York, hatte er vor dem Start keine Zweifel mehr, dass er das Ziel erreichen würde.

Als er dann zwischen Kilometer 41 und 42 mit eingeknickter Körperhaltung das Ziel herbeiflehte, sprang plötzlich seine Frau über ein Absperrgitter und umarmte ihn. Es war Mückes Aufputschmittel für die letzten Meter. Dabei war es am Tag zuvor zu einem Malheur gekommen: Frank, einer der Sieben, hatte den Berliner mit den Worten „Du bist ja so leicht geworden“ in die Luft gestemmt – und ihm dabei eine Rippe gebrochen. Schlafen konnte Mücke danach nicht, laufen schon. 42,195 Kilometer.

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