Sport : Gegen die Logik

Ottmar Hitzfeld wirft seinen Karriereplan über den Haufen und will doch nicht Bundestrainer werden

Friedhard Teuffel

Berlin - Bundestrainer, das sollte die logische Konsequenz aus seiner bisherigen Arbeit sein, aus seinen Erfolgen, aus seiner Persönlichkeit. So hatte sich Ottmar Hitzfeld noch vor einer Woche ausgedrückt, kurze Zeit nach dem Rücktritt Rudi Völlers als Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft. Hitzfeld wollte seine Karriere mit dem Posten des Bundestrainers krönen, so wie Johannes Rau seine politische Laufbahn mit dem Amt des Bundespräsidenten gekrönt hatte. Doch Hitzfeld hat es sich anders überlegt. Der Lehrer für Mathematik aus Lörrach in Baden hat die Logik einfach außer Acht gelassen.

Er hat seinen Karriereplan geändert und schon am Dienstag Gerhard Mayer-Vorfelder, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), telefonisch abgesagt. Mayer-Vorfelder habe noch versucht, den 55 Jahre alten Hitzfeld umzustimmen, anschließend hätten das auch noch Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge versucht, die Führungstroika des FC Bayern München. Auch Mayer-Vorfelders Angebot, gleich vier Jahre für den DFB zu arbeiten, lehnte Hitzfeld ab.

Offenbar haben ihm sechs Jahre als Trainer des FC Bayern München stark zugesetzt. Gestern sagte Hitzfeld: „Ich fühle mich nicht in der Verfassung. Ich fühle mich noch etwas leer, der Akku ist noch lange nicht aufgeladen.“ Schlaflose Nächte habe ihm die Frage bereitet. Der „Stuttgarter Zeitung“ sagte er: „Es ist einfach so, dass der Zeitpunkt des Angebots falsch war. Hätte mich Mayer-Vorfelder in einem Jahr gefragt, wäre ich wohl bereit gewesen. Ich möchte ein Jahr Pause machen.“ Hitzfeld, der rationale Entscheider ist offenbar auf einmal überwältigt worden von der Macht der Gefühle: „Es war in erster Linie eine Entscheidung für meine Familie. Und eine Entscheidung der Seele.“

Dennoch bleibt seine Absage ein Rätsel. Wieso hat er diese Chance nicht angenommen, auf die er selber hingearbeitet hatte und von der er nun weiß, dass sie wahrscheinlich nie mehr wieder kommt? Waren es wirklich private Gründe? Hatte die Aufgabe seinen Reiz verloren? Oder hat er nicht den nötigen Rückhalt gespürt, weil sich zwischenzeitlich noch einige andere Kandidaten mit auf dem Personalkarussell gedreht haben, Namen, die ihm nicht gefallen haben wie Christoph Daum, Lothar Matthäus oder Otto Rehhagel. Es waren auf jeden Fall kuriose Tage, die zwischen Völlers Rücktritt und Hitzfelds Absage liegen, und am ersten davon war Hitzfeld eigentlich schon zum Bundestrainer ausgerufen worden, von Journalisten, von Managern und Trainern der Bundesligavereine und vor allem von Franz Beckenbauer. Hitzfeld selbst sagte noch am selben Tag von seinem Urlaubsort Engelberg in der Schweiz, er sei zu Gesprächen bereit. Alles schien eine Frage der Verhandlung zu sein.

Nur Mayer-Vorfelder hielt sich zurück. Hitzfeld sei ein guter Kandidat, aber: „Ich lasse mich nicht unter Druck setzen.“ Sein Rezept dagegen war, die Trainerentscheidung zur „Chefsache“ zu erklären, und damit begann die wichtigste Personalentscheidung des deutschen Fußballs undurchsichtig zu werden. Vertreter der Bundesligavereine und selbst Mitglieder des DFB-Präsidiums beklagten sich darüber, in die Verhandlungen nicht eingebunden zu sein. Mayer-Vorfelder wurde vorgeworfen, nicht offensiv genug mit Hitzfeld zu verhandeln, die Trainerfrage sogar offen zu lassen, um seinen alten Freund Christoph Daum durch die Hintertür auf den Bundestrainerposten zu hieven.

Mayer-Vorfelder erklärte daraufhin am Anfang dieser Woche: „Ich stehe seit Tagen in Kontakt mit Ottmar Hitzfeld. Irgendwelche Kontakte mit anderen Trainern, auch mit Christoph Daum, hat es weder direkt noch indirekt gegeben.“ In der Tat hatte sich der DFB-Präsident mit Hitzfeld in einem Hotel in Sevilla getroffen. Das Gespräch kann nicht zur Unzufriedenheit der beiden ausgegangen sein. Sogar das Gehalt soll ausgehandelt worden sein: vier Millionen Euro. Hitzfeld erbat sich eine Woche Bedenkzeit, aber gegenüber der ARD sagte er am Dienstag: „Wir sind uns im Prinzip einig.“ Auch seine Frau soll zugestimmt haben.

Bis zum Samstag wollte sich Hitzfeld entschieden haben. Jetzt hat er seine Entscheidung bekannt gegeben – nur ist es nicht die erwartete. Vielleicht hält Hitzfeld die Nationalmannschaft nicht für gut genug. Hitzfeld erklärte gestern noch, seine Absage habe nichts mit Mayer-Vorfelders Verhandlungen zu tun: „Der Präsident hat sich hervorragend verhalten.“

Das hat Hitzfeld gesagt, aber ist es ihm auch abzunehmen? Als der FC Bayern München ihn im Sommer vorzeitig entließ, da lächelte er auch bis zum Schluss und verkniff sich jede spitze Bemerkung. Mayer-Vorfelder seinerseits bemühte sich um eine gefühlvolle Reaktion: „Ich kann ihn verstehen, weil ich freundschaftlich mit ihm verbunden bin, aber ich bedaure die Entscheidung sehr.“ Chefsache ist die Trainerfrage nun nicht mehr. „Am Montag gibt es eine DFB-Präsidiumssitzung, da kann jeder Gedanken vortragen zu Namen und Kandidaten“, sagte Mayer-Vorfelder. Einen Plan B habe er jedenfalls nicht in der Tasche.

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