Sport : Gegen die Ordnung

In der Formel 1 ist eine Frage derzeit am spannendsten: Wie kommt Villeneuve mit Peter Sauber aus?

Karin Sturm[Monza]

Eine Testwoche, zwei Comebacks, zwei neue Verträge mit Piloten – soll noch einer sagen, die Formel-1-Saison 2004 sei langweilig, nachdem Michael Schumacher zum siebten Mal Weltmeister geworden ist. Das erste Comeback: Ralf Schumacher ist wieder fit und bereit für einen Einsatz im BMW-Williams beim Großen Preis von China, der am 26. September in Shanghai stattfindet. Das zweite Comeback: Jacques Villeneuve fährt jetzt nach einem Jahr Pause wieder, und zwar für Renault. Gleichzeitig hat er für 2005 bei Sauber unterschrieben.

Bei Renault wird der Kanadier in China sein Formel-1-Comeback feiern, als Ersatz für Jarno Trulli, von dem sich Teamchef Flavio Briatore nach viel Streit vorzeitig trennte. Trulli testete im Übrigen am Donnerstag bereits, nachdem Toyota Stunden zuvor seine Verpflichtung für 2005 als Teamkollege von Ralf Schumacher bekannt gegeben hatte. Wenn Trulli in China oder spätestens beim Großen Preis von Japan am 10. Oktober bereits im Toyota sitzt, sollte sich niemand wundern.

Bei Villeneuve sieht die Situation anders aus. Während der kanadische Weltmeister von 1997 im englischen Silverstone beim Testen seinen Shanghai-Einsatz im Renault vorbereitete und dabei einen guten Eindruck hinterließ, gab Peter Sauber in der Firmenzentrale in Hinwil den Vertragsabschluss mit dem Kanadier bekannt. Zum ersten Mal in seiner Teamgeschichte hat Sauber damit einen Starfahrer, zum ersten Mal wird das Team damit wirklich interessant auch für die Medien. Aber nicht wenige Beobachter fragen sich: Wie gut passen Jacques Villeneuve und Peter Sauber zusammen? Die beiden gelten als sehr schwierig. Peter Sauber ist ein konservativer Schweizer, der sich schon mal über die seiner Ansicht nach zu kurzen Röcke der Damen im Fahrerlager echauffiert. Er ist nationalbewusst, zurückhaltend, kein Freund der lauten Töne, sehr auf Form und korrektes Benehmen bedacht. Vor allem ist er gewohnt, dass jeder seine Anweisungen befolgt. Als Villeneuve das erste Mal in Hinwil zum Werksbesuch war, sagte Sauber: „Ein etwas eigenartiger Typ ist er schon – aber einen Weltmeister hatten wir nun mal noch nie.“

Villeneuve ist ein selbstbewusster Querdenker, der alles hinterfragt. Er fügt sich keiner vorgegebenen Ordnung freiwillig, tritt unkonventionell bis an die Grenzen auf, trägt bunt gefärbte Haare, übergroße Schlabber-T-Shirts und abgewetzte Jeans. Er ist ein Mann großer Sprüche, der gern viel Wirbel um sich macht, allerdings nicht immer solchen, der Sponsoren gefällt. Im Moment ist er sehr zahm. „Peter Sauber ist einer der ganz wenigen in der Formel 1, die nicht all den Unsinn geglaubt haben, der über mich verbreitet wird“, sagt er. Aber er sagt auch: „Ich habe schon Rennen gewonnen, war Weltmeister – ich weiß, wie es geht. Und Sauber ist ein aufstrebendes Team, das sehr zielstrebig arbeitet.“

Einer der Hauptgewinner dieses Deals ist Sauber-Sponsor Red Bull. Zu dessen Image, jung und modern, passt Villeneuve perfekt – und zu den Interessen von Firmenchef Dietrich Mateschitz auf dem US-Markt erst recht. Was der Kanadier wirklich bringt, wird sich zeigen: „Er erzeugt sehr viel PR natürlich. Aber dass er fahrerisch viel mehr bewirkt als jemand anderer, möchte ich eher bezweifeln", sagte der Schweizer Ex-Pilot und Premiere-Experte Marc Surer. Die Verlierer sind im Moment erst einmal andere: jene Piloten nämlich, die sich Hoffnung auf den zweiten Sauber-Platz gemacht hatten. Dazu gehören Nick Heidfeld, Formel-3000-Europameister Vita oder auch Mercedes-DTM-Star Gary Paffet.

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