Gegen Gladbach : Herthas guter Sieg

Herthas knapper Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach könnte sich noch als pädagogisch wertvoll erweisen. Vielleicht schon nächsten Sonnabend: Dann spielen die Berliner bei Energie Cottbus

Stefan Hermanns
Jubels
Und die Kurve hüpft. Hertha und ihre Fans feiern. -Foto: dpa

Berlin - Aus psychologischer Sicht ist das jetzt eine höchst interessante Konstellation. Da steht Josip Simunic, Joe Cool, wie er genannt wird, plötzlich im Zentrum des Orkans, Auge in Auge mit den euphorisierten Fans von Hertha BSC in der Ostkurve – und was macht Simunic? Lässt jegliche Kontrolle fahren und sich mitreißen vom allgemeinen Überschwang. Acht Siege aus den letzten zwölf Spielen verspricht der Innenverteidiger übers Stadionmikrofon. Ein kalkulierter Auftritt oder ein spontaner Ausbruch? „Es war sehr spontan“, sagt Simunic am Tag danach, „und es waren auch Emotionen dabei. Aber Wort ist Wort – das müssen wir jetzt schaffen.“

Acht Siege – das wären noch einmal 24 Punkte zu den 43, die Hertha nach dem 2:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach bereits beisammen hat. Ergibt am Ende also mindestens 67. Ob er glaube, dass das zur Meisterschaft reiche, hat Pal Dardai seinen Kollegen Simunic am Sonntag vor dem Training gefragt. „Ich glaube, das reicht“, antwortete der Kroate.

Die Mannschaft will langsam mehr

Ein bisschen mulmig war ihm später dann doch zumute, dass er so weit vorgeprescht war und den allgemeinen Komment verletzt hatte. „Ich hoffe, jetzt ist keiner sauer“, sagte Simunic. Denn eigentlich gilt bei den Berlinern immer noch der Zwang zur Zurückhaltung. Doch nach dem neunten Heimsieg hintereinander und dem Sprung zurück an die Spitze der Fußball-Bundesliga deuten sich erste Risse in der Defensive an. Zumindest die Mannschaft will langsam mehr.

„Alle können träumen“, sagt Trainer Lucien Favre. „Es ist normal, es ist gut.“ Aber Trainer träumen nicht. Für Favre gilt nach wie vor, was sich der Verein vor der Saison verordnet hat: dass die Mannschaft um einen Platz im Uefa-Cup kämpfen will. Kämpfen, darauf legt Favre großen Wert. „Ich sehe keinen Grund, unser Saisonziel zu ändern“, sagt er.

Dardai: "Wir haben gelernt zu gewinnen"

Das Spiel gegen Mönchengladbach stützt paradoxerweise beide Sichtweisen, die offensive genauso wie die defensive. In der ersten Halbzeit wiesen die Berliner erneut ihre besondere Qualität nach: Hertha spielt sich selten in einen Rausch, ist aber effizient wie eine Spitzenmannschaft. „Wir haben Geduld, wir bleiben ruhig“, sagte Favre. Die Gladbacher durften gepflegt mitspielen – im entscheidenden Moment aber nutzte Hertha einen Anflug von Naivität im Defensivverhalten des Tabellenletzten. Was die Mannschaft ausmacht, zeigte sich geradezu prototypisch vor dem 1:0, als Cicero nach scheinbar ziellosem Hin- und Hergeschiebe im toten Raum plötzlich in der Mitte eine Lücke erkannte und den Ball in den perfekten Lauf von Andrej Woronin passte.

„Wir haben gelernt zu gewinnen“, sagt Pal Dardai, der gegen Gladbach sein wohl bestes Spiel in dieser Saison bestritten hatte. Der Ungar beackerte wie gewohnt mit Verve das defensive Mittelfeld und erzielte kurz vor der Pause das scheinbar vorentscheidende 2:0. Am Ende wurde es ein eher knappes 2:1 – und der zehnte von insgesamt dreizehn Siegen mit nur einem Tor Unterschied.

„Dieses eine Tor war immer verdient“, sagt Dardai. Es steht symbolisch für Herthas Realitätssinn. Doch die knappen Siege entspringen nicht immer kühler Berechnung. Im Hinspiel in Mönchengladbach ging Hertha ebenfalls Mitte der ersten Hälfte in Führung und hatte anschließend gegen den Abstiegskandidaten wenig Mühe, den Vorsprung zu verwalten. Im Olympiastadion aber brachte sich Hertha gegen denselben Gegner in der zweiten Halbzeit noch einmal in ungeahnte Schwierigkeiten. „Wir haben wieder viele Schwächen gezeigt“, sagte Außenverteidiger Marc Stein. Nach der Pause gab Hertha das Mittelfeld preis, die Mannschaft zog sich weit zurück und ließ die Gladbacher spielen. „Immer wenn wir führen, bekommen wir Probleme“, sagt Kapitän Arne Friedrich.

Wohin geht's? Simunic: "Nach Cottbus"

Nach dem Verlauf des Spiels durfte sich Herthas Führung in ihrer Zurückhaltung bestätigt fühlen. „Eigentlich ist es ganz gut, dass wir so knapp gewonnen haben“, sagte Präsident Werner Gegenbauer. Auch dieser Sieg bringt drei Punkte, vor allem aber ist er pädagogisch wertvoll: Die Spieler wissen jetzt, dass es selbst gegen die Unterschicht der Bundesliga nicht von selbst läuft. Genau so hat es Trainer Favre vor dem Spiel gegen Gladbach immer wieder vorhergesagt – und genau so wird er es vor dem nächsten Spiel in Cottbus wiederholen. Bei den Spielern scheint die Botschaft angekommen zu sein. Wohin führt der Weg noch, wurde Josip Simunic am Sonntag gefragt? „Er führt uns am Samstag nach Cottbus.“

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