Sport : „Gegen Helmut Rahn ist Effenberg ein Langweiler“

Nach Sönke Wortmanns Filmepos gibt es jetzt die Helden von Bern sogar als mundartliches Volkstheater – ein Gespräch mit den Autoren des Stücks

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Herr Stawecki, Herr Tarabay, Sie haben beide eine kolossale Macke…

Raymond TARABAY: Ja, ’ne Vollmeise!

…sonst hätten Sie nicht sechs Jahre lang die Geschichte der WM 1954 recherchiert.

Klaus STAWECKI: Wir haben seit 1998 alles gesammelt, in Archiven gestöbert, mit Zeitzeugen gesprochen, Schauplätze aufgesucht. Wir wollten es einfach genau wissen, wer, was, wie, weshalb?

Warum denn überhaupt?

STAWECKI: Ich habe damals Szenen vom Finale gegen Ungarn gesehen und musste weinen, hemmungslos weinen. Das war der Auslöser.

Und nun ist dabei ein Theaterstück herausgekommen, in dem Fritz Walter zu seiner Frau Italia sagt: „Hoscht du Radio g’hört? S’wa so furschtbar. Ogottogott.“

TARABAY: Das ist Volkstheater, warum nicht? So hat der Fritz eben geredet. Unser Traum ist es, mit diesem Stoff die Stadiongänger in große Theater zu holen.

„Die Helden von Bern“ sind vermutlich das erste Theaterstück, auf das im „Kicker“ hingewiesen wurde.

STAWECKI: Und darauf sind wir unheimlich stolz, das sehen Sie unseren Gesichtern doch an, stimmt’s? Auch die Webseite von Eintracht Frankfurt schreibt darüber, was für ein irrer Erfolg!

Mal ehrlich, über die Mannschaft von Sepp Herberger wurde so viel geschrieben, gab es da noch etwas zu entdecken?

TARABAY: Oh ja, kleine Facetten und Anekdoten, oft in den Lebensläufen von den weniger bekannten Spielern. Und wir haben früh herausgefunden, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen der Leberzirrhose, an der Richard Hermann mit 39 Jahren starb, und der Gelbsucht, an der die halbe Mannschaft von 54 erkrankt war. Da gibt es bei der Recherche einen Satz und dort einen, und plötzlich passt alles zusammen: Den Deutschen sind Vitamine gespritzt worden, Traubenzucker, vermutlich hat Helmut Rahn den Erreger aus Südamerika eingeschleppt… Herberger und der Deutsche Fußball-Bund haben immer bestritten, dass gespritzt worden war, auch die Söhne von Richard Hermann hatten das nicht gewusst. Die wussten nur: Vater ist früh gestorben. Der Mannschaftsarzt lebt noch, aber er wollte nicht mit uns reden.

Alles lange her. Viele Zeitzeugen sind tot, Erinnerungen verschwimmen.

TARABAY: Viele Widersprüche lösen sich auch nicht auf. Zum Beispiel: Haben denn alle mit Adidas-Schuhen gespielt, wie es immer heißt? Der Sohn des Torwarts Toni Turek sagt, mein Vater war immer ein Puma-Freund, der hatte nichts anderes. Und Alfred Pfaff, einer der Spieler, die noch leben, sagt: Ich habe immer in Puma gespielt.

Auf den Bildern sind die drei Streifen doch zu sehen.

STAWECKI: Die können aufgeklebt sein, aufgemalt, ein Trick, es gibt keine eindeutige Antwort. Dasselbe beim Thema Rauchen. Einige Spieler sagen, es sei nicht eine Zigarette gequalmt worden, andere sagen, Herberger habe den Fritz Laband mit dem Werner Kohlmeyer zusammen auf ein Zimmer gelegt, weil beide heftige Raucher waren – der ältere Sohn von Laband bestreitet das. Aber das alles ändert ja nicht die Geschichtsschreibung.

Wer jetzt im Theater „Die Helden von Bern“ anschaut, sieht, wie es wirklich war.

STAWECKI: Sie ahnen, wie es wirklich hätte sein können. Es ist nicht dokumentarisch. Die Dialoge sind von uns, wir waren ja nicht in den Zimmern im Hotel Belvedere dabei. Es gibt aber auch Dialoge, die in Autobiografien überliefert sind. Als Helmut Rahn erfuhr, dass er im zweiten Türkeispiel nicht spielen durfte, wollte ihn Fritz Walter aufbauen: „Komm, mach dir nichts draus.“ Und Rahns Antwort war: „Du hast gut reden, du bist vom Chef gesetzt.“

Bruder Ottmar spricht so: „Nur deschweesche hämmer Madrid abg’sagt. Isch hab uff een Vermööschen vezischtet, weil du weide inne Nationalelf spiele wulltest.“

TARABAY: Fritz und er hatten ein Angebot: 250 000 Mark Handgeld, 10 000 im Monat plus Haus, Pool, Auto. Ein Wahnsinn für die 50er Jahre, aber verbürgt. Trotzdem sind die beiden wegen der Nationalelf in Kaiserslautern geblieben.

Und Fritz Walters Gattin Italia sagte wirklich „Schnuckelino“ zu Deutschlands wichtigstem Spieler?

TARABAY: Ja. Schnuckelino ist 100 Prozent authentisch. Auch, dass Fritz zu seiner Frau „Schätzelsche“ gesagt hat. Wir haben ja nicht mit solchen Fragestellungen recherchiert: Wie nennt Fritz Walter sein Frau und umgekehrt? Nein, irgendwann stolpert man drüber, findet es witzig, und so kommt es ins Theaterstück.

Haben Sie beide einen ganz persönlichen Helden von Bern?

STAWECKI: Karl-Heinz Metzner aus Kassel, der hat bei der WM kein einziges Spiel gemacht. Er hatte im Krieg einen Oberarmdurchschuss bekommen, ein Fiasko bei dem Wunsch, Architekt zu werden. Es musste mühsam die Benutzung seiner rechten Hand wieder erlernen und wurde technischer Zeichner, auch fußballerisch war er toll, nur hat er nicht die ganz große Rolle gespielt. Aber diese Vita hat mich sehr beeindruckt.

TARABAY: Meine positivste Begegnung war die mit Fritz Walter. So unheimlich freundlich, so sehr bescheiden, und er sprach in so ehrenhafter Form über seine Kameraden, das fand ich bewundernswert. Als Typ ist Helmut Rahn mein Hero, absolut jenseits von Gut und Böse.

Der Boss? Warum denn?

TARABAY: Er ging allen tierisch auf den Senkel, ein gnadenloses Enfant terrible. Dagegen ist Effenberg ein Langweiler.

STAWECKI: Was mich noch berührt hat: Der Münchner Hans Bauer stammte aus sehr ärmlichen Verhältnissen, trotzdem hat er seine WM-Prämie von 500 Mark Hochwasseropfern gespendet. Bauer galt als Spieler wohl als zu weich…

…und deshalb kennt ihn heute keiner.

STAWECKI: Er ist nicht im Olymp, aber hat 54 zweimal gespielt, weil Kohlmeyers großer Zeh wund war.

Ein wunder Zeh! Haben Sie das Gefühl, jetzt wahnsinnig viel Sinnloses zu wissen?

STAWECKI, TARABAY: Gewiss! Klar!

Eigentlich wollten Sie beide einen Film machen, den gab es dann auch, nur von Sönke Wortmann, „Das Wunder von Bern“. Ihre Müh war für die Katz.

TARABAY: Die Enttäuschung war groß, auf jeden Fall. Wir sind für unser Drehbuch von einer großen deutschen Produktionsfirma hofiert worden. Die Stimmung war euphorisch, und plötzlich… Aus, aus, das Spiel war aus! Dann kam ein Musicalproduzent und sagte begeistert, den Stoff muss man auf die Bühne bringen. So wurde das Theaterstück daraus.

Und der Aufwand an Recherche war dafür eigentlich viel zu groß.

STAWECKI: Ach ja. Aber die Zuschauer spüren, ob man etwas nur so behauptet, oder ob man die Hintergründe kennt. Der Film sollte ja Gott-weiß-wo spielen, jetzt ist es ein Heldenepos für die Pfalz.

„Chef, ich fiehl misch wie neugebore“, ruft der Fritz. Sie reden beide Hochdeutsch, wer hat Sie denn mundartlich beraten?

TARABAY: Verwandte aus der Pfalz. Der Regisseur im Pfalztheater ist Franke, der hat sich um den Nürnberger Max Morlock gekümmert, im Ensemble sind noch andere Dialektkundige. Wir sind übrigens alle drei Fans des richtigen Vereins: Bayern München.

Ihr Problem. Wer war eigentlich der Mensch, den Sie am wenigsten mochten?

STAWECKI: Herberger ist eine schwierige Person. Diese Besessenheit, ein Pedant, ihm ist so vieles zuzutrauen. Man muss sich nur mal vorstellen, er hatte sich vom Platzwart einen Schlüssel geben lassen, denn er wollte vor dem Finale den Platz wässern lassen, falls es nicht regnet. Er hätte „dem Fritz sein Wetter“ künstlich hergestellt.

Und wie geht Ihr Theaterstück aus?

STAWECKI: Puskas schießt das 3:3, und Deutschland verliert durch Münzwurf.

TARABAY: Er lügt, er lügt! Glauben Sie ihm nicht!

Das Gespräch führten Jürgen Schreiber und Norbert Thomma.

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