• Gegeneinander reiten, miteinander jubeln Vor dem Springen liegt Vielseitigkeitsreiterin Hoy auf Platz zwei hinter ihrer britischen Trainingspartnerin

Sport : Gegeneinander reiten, miteinander jubeln Vor dem Springen liegt Vielseitigkeitsreiterin Hoy auf Platz zwei hinter ihrer britischen Trainingspartnerin

Jeannette Krauth[Aachen]

Aachen – Das war ein schöner Moment. Die Sportlerin, die trotz ausgezeichneter Runde auf Platz zwei landet, fällt im Ziel der schnelleren Erstplatzierten in die Arme. So war das, nachdem Bettina Hoy durchs Ziel der Geländestrecke der Vielseitigkeitsreiter kam. Sie galoppierte den grünen Hügel hinauf, ließ sie sich nach dem Ziel von ihrem Pferd Cockatoo plumpsen und fiel direkt in die Arme von Zara Philipps, der 23 Jahre alten Tochter der britischen Prinzessin Anne. Philipps war Minuten vorher einen Tick schneller und ritt die beste Einzelwertung: minus 41,70 Prozent. Hoy liegt nach dem Geländeritt mit minus 43,70 Prozent auf dem zweiten Platz der Gesamtwertung. Die Fehlerprozente ergeben sich aus der Summe der Dressurfehler der vergangenen Tage und der Zeit im Gelände. In der Mannschaftswertung führen die Deutschen jedoch bei den Weltreiterspielen in Aachen vor Großbritannien und den USA. Am Sonntag, beim Springen, entscheidet sich, wer welche Medaille bekommt.

„Wir reiten nie gegeneinander, sondern immer gegen die Strecke“, sagte Bettina Hoy zu ihrer Begrüßung durch Philipps, „und wir sind gute Freunde.“ Eine ungewöhnliche Freundschaft. Denn die Erstplatzierte steht da mit Bodyguards hinter sich, die mit ihren Wachsjacken und Sportblousons gut getarnt sind. Und Zara Philipps blaublütiger Bruder führt ihr Pferd in das Bisschen Sonne, das endlich auf Aachen scheint, damit es trocknet. Königliche Pferdepfleger! Bettina Hoy hingegen will jetzt unbedingt ihren Mann sprechen. Der startet gleich, sie will ihm noch ein paar Tipps für die Strecke geben. Sie ist mit dem Australier Andrew Hoy verheiratet, und mit ihm lebt sie auf einem Gut in Großbritannien – das gehört Prinzessin Anne. „Zara wohnt 100 Meter von mir entfernt, wir trainieren oft gemeinsam“, sagt sie direkt nach dem Ritt und beißt in eine Salzbrezel, ihrer ersten Nahrung an diesem Tag. „Wir trainieren oft zusammen, auch der Japaner, der mitreitet, Yoshiaki Oiwa, gehört zu unserem Hof“.

Es ist der dritte Tag der Vielseitigkeit, zwei Tage Dressur liegen hinter den Teams, und an diesem Tag findet die wahrscheinlich imposanteste Prüfung der Weltreiterspiele statt: Der Geländeritt, 6380 Meter lang, 31 Hindernisse, die aus mehreren Sprüngen bestehen. Im Gelände fällt keine Stange, alles ist massiv. „Da waren einige Finessen drin“, sagt Zara Philipps, blond, Baseballkappenträgerin, „mein Pferd hat den Job fabelhaft gemacht.“ Sie hat den Wallach Toy Town selbst ausgebildet, widmet sich nach einer abgebrochenen Pferde-Physiotherapieausbildung ganz dem Reiten.

Schaut man über die Strecke, sieht man eine leicht abfallende, riesige Wiese, 1000 mal 1000 Meter groß, darauf Pappelreihen, ein kleines Bächlein, dazwischen dicke Baumstämme, Häuschen und Reisigbüsche als Sprpnge. Dadurch schlängelt sich eine bunte Kette aus 44 000 Menschen. An der Strecke hört man alle paar Minuten man erst galoppierende Hufe, dann ein Schnauben, dann donnert ein Pferd vorbei, mehr als 34 Stundenkilometer sind sie schnell, die Menschen jubeln, manche Reiter rufen ihrem Pferd anfeuernd „Go!“ zu.

Die Reiter starten für Mannschafts- und Einzelwertung. Pro Hindernis können sie stets zwischen zwei Wegen wählen: Einen kurzen, aber schwierigen, und einen längeren, sichereren. Schwerer wird es dabei nicht durch Höhe, sondern enge Wendungen, wo das Pferd ganz schnell reagieren muss, um die Kurve und den Absprung zu finden. „Besonders zum Ende der Strecke ist es schwierig, weil die Pferde müde werden, nicht mehr so gut aufpassen“, sagt Rüdiger Schwarz, der Parcoursbauer. Ein Hindernis ziemlich zum Ende der Route sei so ein Fall. Zwei hüfthohe Bauernhäuschen stehen dort in fast rechtem Winkel zueinander und sollen nacheinander übersprungen werden.

Auch Bettina Hoy ließ die aus und ritt die 100 Meter längere Alternative, das kostet Zeit. „Ich merkte, dass Cockatoo ein bisschen schwerer in der Hand lag und hatte schon gesehen, wie viele an der Stelle Probleme hatten – da wollte ich kein Risiko eingehen, vor allem, weil ich ein Zeitpolster hatte“. Die Vielseitigkeitsreiter tragen Uhren mit zwei Zentimeter großen Ziffern auf dem Display am Handgelenk und wissen genau, an welchem Hindernis sie in welcher Zeit sein müssen. Richtig schnell war auch Frank Ostholt, der mit dem dritten Rang der Einzelwertung die Führung in der Mannschaftswertung sicherte. „Zum Glück habe ich ein Pferd, das nur die Hindernisse sehen muss und auf die andere Seite will“, sagt er mit einem Grinsen. „Jojo hat sich fünf, zehn, ach was, 15 Sack Möhren verdient.“

Philipps, Hoy und Ostholt lobten die Strecke bei den Weltreiterspielen, „ein wahrer Championatskurs“, anspruchsvoll aber fair. „Die stärksten Reiter sollen nach vorne kommen, und die schwachen heil ins Ziel“, das war der Anspruch des Parcoursbauers Rüdiger Schwarz. Es gab dennoch Stürze, insgesamt sei laut Veranstalter aber kein Pferd oder Reiter ernsthaft verletzt, 59 von 77 Reitern erreichten die Ziellinie.

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