Sport : Geheilte und geteilte Nation

Den Spaniern gönnt nicht jeder daheim den Titel

Julia Macher

A m Sonntag hatte Spanien im Gebet Zusammenhalt gefunden: Kurz vor dem Elfmeterschießen des Viertelfinales Spanien gegen Italien murmelte ein Reporterchor ein „Vater unser“ in die offenen Mikrofone. Um himmlischen Beistand baten wohlgemerkt nicht die Berichterstatter von „Cope“, dem erzkatholischen Radiosender der Bischofskonferenz, sondern die Reporter des linksliberalen Senders „Cadena Ser“, die sich ansonsten sehr weltlich geben. Da wollte sich auch die Sportzeitung „Marca“ nicht lumpen lassen und erörterte vor dem Halbfinalspiel gegen Russland ernsthaft, wie man Torwart Iker Casillas heilig sprechen lassen könne.

Angesichts der medialen Begleiterscheinungen bei dem größten internationalen Fußball-Triumph der Spanier seit über 20 Jahren, förmlich herausgequetscht im Elfmeterschießen gegen Italien, kann einem schon etwas schwindlig werden. Da gefror die Umarmung zwischen den beiden Helden des Abends, dem Madrider Casillas und dem gebürtigen Katalanen Cesc Fabregas, zu „einem Moment nationaler Versöhnung“ (El País). Man schrieb von einem neuen Teamgeist, der Symbol sein könne für eine neue Ära in Sport und Politik.

Casillas hatte im Elfmeterschießen des Viertelfinales gegen Italien gleich zwei Bälle gehalten, und der Katalane hatte für Spanien den entscheidenden Treffer geschossen. Spanien steht im Halbfinale, die Gebete wurden erhört.

Aber jetzt wird die Symbolik so überhöht, dass man glauben könnte, die Profis aus Kastilien, Andalusien, Asturien, Katalonien und Sao Paulo (!) würden sich im normalen Fußball-Alltag in einer Art Stellvertreterkrieg andauernd malträtieren. Auch wenn es immer wieder gern behauptet wird: Mit den Autonomiebestrebungen der Regionen ist die lange Geschichte des Scheiterns spanischer Nationalmannschaften bei internationalen Turnieren ebenso wenig erklärt wie jetzt der Einzug ins Halbfinale, der 46 Millionen Spanier die rot-gelbe Nationalflagge schwenken lässt.

Tausende Fans sind sogar bereit, ihre Haare zu opfern, wenn Spanien den Titel gewinnt. Mehr als 10 000 Spanier haben bereits online einen entsprechenden Aufruf von „Marca“ unterschrieben. In der Erklärung heißt es: „Ich, ein lebenslanger Fan, gelobe feierlich den Fans und der Nationalmannschaft, auch das allerletzte Haar von meinem Kopf zu scheren, wenn unser Team die Euro 2008 gewinnt.“ Unter den Teilnehmern der Aktion werden 20 Fotoapparate verlost.

Gewiss, mit einer Quote von 81,5 Prozent war Fabregas Torschuss das meist gesehene Ereignis im spanischen Fernsehen. Und Mittelfeldstar Xavi vom FC Barcelona, einer der Spieler mit dem größten Identifikationspotenzial für die Katalanen, freute sich, dass auch in seiner Heimat mit Böllern und Feuerwerk gefeiert wurde: „Wir haben eine Gewinnerkultur.“

Aber die Euphorie ist eben nicht überall gleich groß. Im Baskenland lag die TV-Quote beim Viertelfinale zwanzig Prozent unter der von Madrid. Die Knallerei in Barcelona war zumindest teilweise auch eine Generalprobe für die Feiern zur Johannisnacht, und die Trikots der Nationalmannschaft tragen weiter nur Touristen auf den Ramblas.

Zwar fühlen sich viele Basken und Katalanen „zumindest teilweise“ auch als Spanier, aber unter den wenigen Städten, welche die EM-Spiele öffentlich auf Großleinwänden übertragen, ist keine aus Katalonien oder dem Baskenland. Ganz Spanien fiebert mit der „roten Furie“? Nein, der Norden hört nicht auf, der Euphorie Widerstand zu leisten. Iñigo Urkullu, Präsident der baskisch-nationalistischen Partei PNV, verkündete: „Wenn es schon nicht die Mannschaft des Baskenlands sein kann, dann will ich, dass Russland den Titel holt.“ Wäre ja noch schöner, wenn der Fußball der zweitliebsten Freizeitbeschäftigung der Spanier den Garaus machen würde: dem tagespolitischen Gezänk. Julia Macher

In Barcelona tragen

nur Touristen auf den Ramblas

Trikots des Nationalteams

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