Geher André Höhne : "Ich werde beschimpft"

André Höhne muss sich als Geher schon mal fragen lassen, warum er mit dem Po wackelt. Am Sonnabend will es der Berliner allen zeigen – beim Lauf durch seine Stadt.

Friedhard Teuffel
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Kennt Unter den Linden jeden Gullydeckel. Dem Berliner André Höhne (rechts) ist die Wettkampfstrecke für das 20-Kilometer-Gehen...Foto: dpa

Herr Höhne, die Weltmeisterschaft findet in Ihrer Heimatstadt Berlin statt, und Sie starten beim 20-Kilometer-Gehen mitten in der Stadt, nämlich Unter den Linden. Wie vertraut sind Sie schon mit der Strecke?



Da wäre ich ein schlechter Berliner, wenn ich mir die Strecke vorher nicht schon genau angeschaut hätte. Im Grunde kenne ich jetzt jeden Gullydeckel.

Gefällt Ihnen die Strecke?

Teils, teils. Es ist natürlich schön, in seiner eigenen Stadt zu laufen. Aber es ist auch eine schwere Strecke – jedenfalls fürs Auge.

Was meinen Sie damit?

Du schaust 1000 Meter geradeaus, dann kommt die Wendemarke, und dann schaust du wieder 1000 Meter geradeaus.

Was wäre denn fürs Auge eine leichte Strecke?

Eine mit Kurven ist viel einfacher, da kann man sich die Strecke einteilen. Es heißt ja, dass sich der Mensch immer Zwischenpunkte sucht. So ist das auch bei uns Gehern.

Welche Zwischenpunkte werden Sie sich denn Unter den Linden suchen, das ZDF-Hauptstadtstudio oder eines der Autohäuser? Dann müssten Sie immer zur Seite schauen.

So ungefähr werde ich es wohl auch machen. Außerdem werde ich mich an den Verpflegungspunkten orientieren, am Tisch mit den Schwämmen, an meinem Trainer und natürlich an meiner Familie.

Ist Ihre Familie denn so groß, dass sie sich auf die ganze Strecke verteilen kann?

Auf jeden Fall. Von meiner Familie werden viele an der Strecke stehen und von der Seite meiner Frau nochmal so viele. Mit Onkeln und Tanten kommen da einige zusammen.

Der Berliner lebt in seinem Kiez, und Unter den Linden sind vor allem Touristen zu sehen. Ist das trotzdem Ihr Berlin?

Ganz Berlin ist meine Stadt. Ich halte mich vor allem in Hohenschönhausen auf, weil ich dort im Sportforum trainiere. Dort habe ich mir auch eine Fünf-Kilometer-Trainingsrunde auf Asphalt ausgemessen. Aber Unter den Linden fühle ich mich genauso heimisch. Das Schöne ist einfach, dass zum ersten Mal meine ganze Familie und alle meine Freunde einen Wettkampf von mir angucken können. Und vielleicht fällt auch anderen Leuten auf, dass so ein Wettkampf doch spannend und interessant sein kann.

Sie gehen ja schon lange um das Siegerpodest herum, in Helsinki vor vier Jahren waren Sie Vierter, vor zwei Jahren in Osaka brachen Sie dann nach einigem Wirrwarr kurz vor dem Ziel zusammen. Und diesmal?


Es wäre natürlich schön, wenn es mit einer Medaille klappen würde. Irgendwann muss es ja mal so weit sein. Immer mit der Blechmedaille nach Hause zu kommen, ist ja auch doof.

Wie haben Sie sich auf diese WM vorbereitet, wie viel haben Sie trainiert?


Das kam immer drauf an, welchen Schwerpunkt ich gerade im Training gesetzt habe. Beim Ausdauertraining bin ich bis zu 250 Kilometer in der Woche gegangen, bei der Temposchulung bis zu 200 Kilometer. Das macht schon 30 bis 40 Stunden in der Woche aus.

Und dann kommt ein Kampfrichter und verwarnt einen wegen eines technischen Fehlers. Haben Sie Angst davor?

Nein. Ich weiß, dass ich eine relativ saubere Technik habe. Ich versuche, immer auf die Beinstreckung zu achten. Das geht auch meistens gut. Seit meinem ersten Wettkampf 1989 bin ich auch nur vier Mal von den Kampfrichtern rausgezogen worden. Aber weil ich relativ groß bin, sieht das bei mir etwas staksiger aus als bei einem kleinen Italiener.

Warum sind Sie eigentlich Geher geworden?

Als ich mit dem Sport angefangen habe, habe ich mir das auch noch nicht vorstellen können. Aber irgendwann bin ich deutscher B-Jugend-Meister geworden. Das hat meinen Ehrgeiz angestachelt. Ich habe einfach die Sportart gefunden, in der ich für mich meinen Erfolg verwirklichen kann.

Welche Reaktionen erfahren Sie, wenn Sie erzählen, dass Sie Geher sind?

Da huscht den Leuten erst mal ein Schmunzeln übers Gesicht. Ich bin auch schon beschimpft worden, wenn ich auf der Straße trainiert habe – als Schwuchtel oder so, weil es eben atypisch aussieht, als Mann so mit dem Po zu wackeln. Das tut schon weh. Dabei ist Gehen ein gesünderer Sport als Laufen, weil wir eine gleitende Bewegung machen. Alle Leute denken auch, dass die Hüfte dabei so beansprucht würde, es ist eher die Lendenwirbelsäule, wie bei anderen Sportarten auch. Dafür mache ich eben zwischendurch Ausgleichssport, gehe laufen oder schwimmen.

Laufen ist für einen Geher also eine vollkommen andere Sportart?

Ja, der Unterschied ist so, als wenn ein Läufer Fahrrad fahren würde. 

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