Gehirnerschütterungen bei den Eisbären : Kampf gegen den eigenen Kopf

André Rankel und Constantin Braun kehren nach schweren Gehirnerschütterungen am Freitag wieder ins Team der Eisbären zurück. Angesichts der vielen Kopfverletzungen fordern Trainer und Spieler nun Konsequenzen.

Katrin Schulze
Wieder im Angriff. André Rankel kehrt zurück. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Wieder im Angriff. André Rankel kehrt zurück.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Am anstrengendsten war die Ungewissheit. Wenn André Rankel und Constantin Braun in den zurückliegenden Wochen irgendetwas unternahmen, wussten sie nie, ob es nicht gleich wieder losgeht. Mit der Karussellfahrt in ihrem Kopf. „Manchmal gab es zwei Tage am Stück, an denen ich beschwerdefrei war und dann habe ich auf einmal beim Kochen wieder Kopfschmerzen bekommen. Mir wurde schwindelig und schlecht“, erzählt Rankel. „Das war sehr frustrierend.“ Kopfbrummen, Schwindel und Übelkeit sind die typischen Symptome einer Gehirnerschütterung, der derzeit häufigsten Verletzung im Eishockeysport. André Rankel und Constantin Braun haben sie jetzt sie überwunden.

Am Freitag kehren beide im Heimspiel ihrer Eisbären gegen die Krefeld Pinguine (19.30 Uhr) zurück auf die Eisfläche. Und niemand ist darüber neben den Akteuren so froh wie ihr Trainer, drohte er doch angesichts all der Gehirnerschütterungen schon „langsam die Geduld zu verlieren“, wie Don Jackson selbst sagt. Außerdem sind es ja nicht irgendwelche Spieler, die seine Mannschaft wieder verstärken. Angreifer Rankel ist für Jackson „der Prototyp eines NHL-Spielers – schnell, hart und immer fokussiert“ und Verteidiger Braun „bringt Ruhe und Besonnenheit in die Abwehr“. Besonders anschaulich trugen die beiden ihre Künste in den Play-offs der abgelaufenen Saison vor. Rankel war da der überragende Spieler überhaupt und Braun schoss die Eisbären im dritten Finalspiel gegen den EHC Wolfsburg zur Meisterschaft.

Constantin Braun ist nun derjenige, der seinem Comeback auf eher ungewöhnliche Art entgegenfiebert. Während andere Profis seit dem vermehrten Auftreten von Kopfverletzungen zu heftigen Körperkontakt mit dem Gegenspieler lieber ganz vermeiden, kann Constantin Braun den ersten Check gegen ihn kaum erwarten. „Ich freue mich darauf“, sagt der Verteidiger, „denn dann merke ich, ob der Kopf wirklich gut ist oder nicht.“ Es ist die Crux an Gehirnerschütterungen, dass sie so schwer ausrechenbar sind. Bei jedem machen sie sich anders bemerkbar und jeder beschreitet einen anderen Weg zurück – wenn überhaupt.

Es gibt einige Beispiele von Spielern, die ihre Karriere nach schweren Gehirnerschütterungen im besten Eishockeyalter beenden mussten. Auch der Berliner Mannschaftskapitän Stefan Ustorf hat sich ein so schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen, dass unklar ist, ob er je wird weitermachen können. Die Mitte März beginnende Endrunde verpasst Ustorf in jedem Fall. Bei ihm war es ein schwerer Check, der das Leid auslöste. Constantin Braun hingegen weiß bis heute nicht, wie es vor gut sechs Wochen überhaupt zu seiner Gehirnerschütterung gekommen ist. In der Drittelpause klagte er plötzlich über Schwindel, und danach konnte er wie Rankel vier Wochen lang fast gar nichts machen außer im Bett zu liegen und aufzupassen, dass ihm nicht „die Decke auf den Kopf fällt“.

Einen generellen Therapieplan wie bei Kreuzbandrissen oder Schulterverletzungen sieht die Medizinabteilung der Berliner für Gehirnerschütterungspatienten nicht. Rankel und Braun strampelten sich zunächst zurück Richtung Eis – auf dem Ergometer schufteten sie jeden Tag ein bisschen länger; immer solange, bis das Karussell im Kopf losdrehte. „Man muss sich sehr stark bremsen“, erzählt Braun, der es einmal übertrieben hat und damit „gleich um eine Woche zurückgeworfen wurde“. Eine „ätzende“ Erfahrung.

Vor ihr gefeit ist niemand im Profisport, auch wenn einige Experten jetzt mit dem semirevolutionären Vorschlag um die Ecke kommen, Bodychecks im Eishockey gänzlich verbieten zu wollen. Was André Rankel davon hält, zeigt er mit einer abwinkenden Handbewegung. „Verbote bringen nichts“, sagt er. „Das Problem ist doch, dass Fouls wie das gegen mich damals nicht so bestraft werden, wie sie bestraft werden müssten.“ Der Berliner Stürmer will „nicht weinerlich klingen“, fordert aber, Bestrafungen künftig konsequenter durchzuführen. Damit es nicht noch mehr Eishockeyspielern so schlecht geht wie ihm vor ein paar Wochen noch.

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