Sport : Geht’s noch?

Wie Hertha BSC krampfhaft versucht, unverkrampft mit der Krise umzugehen

Sven Goldmann

Berlin - Um kurz nach elf wird es laut. Der kleine Mann mit den blondierten Haaren hat den Trainingsplatz ein wenig früher als seine Kollegen verlassen, und das hätte er besser nicht tun sollen. In Windeseile platzieren sich zehn junge Mädchen rund um Marcelinho. Alle bekommen ihr Autogramm, viele Uuuuus und Ooooos und Iiiiis hallen hinüber zum Rest der Mannschaft, zehn, zwanzig Sekunden lang, dann hat Falko Götz genug. „Geht’s noch, oder sollen wir einen Doktor holen?“, blafft der Fußballlehrer.

Lauter und spontaner Jubel stört die Konzentration bei einem Verein, der diese Art von Zuneigung seit Monaten nicht erfahren hat. Zwölf sieglose Spiele liegen hinter dem Fußball-Bundesligisten, und mit jeder Woche wächst das Missvergnügen in Berlin. Falko Götz bemüht sich um Fassung, aber das ist nicht leicht, wenn in den Zeitungen jeden Tag über neue Kollegen debattiert wird, die besser heute als morgen seinen Job übernehmen sollten. „Ach, ich lese das alles nicht mehr“, sagt der Trainer. Ja, es herrsche mittlerweile eine seltsame Stimmung zwischen ihm und manchen Journalisten, „ich denke, das kann jeder verstehen, wir kennen doch alle die Situation“.

Götz sagt es nicht, aber sein angestrengtes Lächeln sagt genug. Er fühlt sich einer Kampagne ausgesetzt, die seine Entlassung zum Ziel habe, vielleicht schon am Wochenende, wenn das Heimspiel gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln nicht gewonnen wird. Als neue Variante haben die Boulevardblätter „BZ“ und „Bild“ am Mittwoch den früheren Hertha-Stürmer Michael Preetz ins Spiel gebracht, wie übrigens schon einmal vor gut zwei Jahren, als der Holländer Huub Stevens glücklos den Platz auf der Berliner Trainerbank ausfüllte. Schon damals war diese Option für die Entscheidungsträger im Verein kein Thema. Michael Preetz ist und bleibt Assistent der Geschäftsführung.

Sein Chef Dieter Hoeneß betont bei jeder Gelegenheit, es gebe keine Trainerdiskussion bei Hertha BSC. Diese Gelegenheiten aber sind rarer geworden, denn Hoeneß hält sich schon seit Wochen zurück in der Öffentlichkeit. Anders als im Winter 2003 wird die Krise der Mannschaft auch ihm angelastet. Damals war allein Stevens Ziel der Fankritik, übrigens aus dem originellen Grund, dass der Holländer zuvor bei Schalke 04 gearbeitet hatte, dem Feindbild Nummer eins der Berliner Anhängerschaft. Jetzt hängen in den Stadien bei Herthas Spielen von Woche zu Woche mehr Plakate, die eine Entmachtung des starken Managers fordern.

Hoeneß mag sich dazu nicht en detail äußern, nur so viel, dass die Kritik an ihm persönlich abpralle, aber es gehe um mehr, „es geht um Hertha BSC“. Auch am Mittwoch lässt Hoeneß sich nicht blicken auf dem Trainingsgelände. Götz sagt, er stehe im ständigen Kontakt mit dem Manager, was da besprochen werde, gehe die Öffentlichkeit nichts an. Im Grunde genommen gehe es doch nur um eines, „das nächste Spiel muss gewonnen werden, es ist doch ganz einfach im Fußball“. Die Trainingseinheit klingt aus mit einem besonderen Spielchen: Götz und sein Assistent Andreas Thom flanken in die Mitte, „zwei Tore, dann ist Schluss“ ruft er den Spielern zu. Es wird ein langer Vormittag. Tore schießen die Herthaner in diesen Wochen so oft, wie sie von enthusiastischen Fans gefeiert werden.

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