Sport : Geil, geil, geil

Zum Ende der Bundesliga-Saison 2004/05: Ein Lexikon zu den wichtigsten Personen und Ereignissen des Fußballjahres

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Abstiegskampf, der; mangels anderer Erfolgsaussichten so etwas wie der Titelkampf der Kleinen. Bestandener A. ist für Vereine wie Mainz, Bielefeld oder Nürnberg die einzige realistische Chance auf eine Bierdusche. Außerdem zusätzliches Spannungselement (Saison 1998/ 99). In dieser Saison war der A. geprägt von Langeweile. Die drei Absteiger Bochum, Rostock, Freiburg lagen bereits seit dem 13. Spieltag ununterbrochen auf den Abstiegsplätzen.

Bierdusche, die; bayr. auch Weißbierdusche. Vermutlich von Giovane Elber (Bayern München) 1998 eingeführte spontane, inzwischen weitgehend ritualisierte Form des Feierns. Mittels überdimensionaler Gläser werden vor allem Trainer, Mitspieler, Manager, neuerdings auch Fernsehmoderatoren mit Bier überschüttet. Bisher vor allem in Bayern verbreitet, findet die B. auch in anderen Bundesligastädten vermehrt Nachahmer.

Chelsea, FC; aktueller Beweis dafür, dass im Fußball alles möglich ist, weil 1. sich mit viel Geld (vgl. Zentralvermarktung) zwar der nationale Titel zum Beispiel mit 37 Punkten Vorsprung auf den Fünften FC Liverpool und gleichzeitig die entsprechende Antipathie erkaufen lässt, 2. das Geld aber nur dafür reicht, den vergleichsweise armen FC Bayern in der Champions League zu besiegen, nicht aber den noch ärmeren FC Liverpool.

Doppelspitze, die; Konstruktion zur Führung eines zerstrittenen Fußballverbandes. Deutsche Erfindung. Entsteht, um interne Revolutionen mit einem Kompromiss zu beenden, der zwei gegensätzliche Charaktere zur Kooperation zwingt. Eine D. unterliegt zeitlicher Begrenzung und beschränkter Haftung.

E bay; laut Definition des Organisationskomitees der FIFA Fußball Weltmeisterschaft 2006™ illegale Verkaufsbörse im Internet und von Schwarzhändlern genutzte Plattform, um Tickets für die FIFA Fußball Weltmeisterschaft 2006™ an Fans zu verkaufen, denen eigentlich nur ein Drittel der Karten zusteht.

F airness, auch Fair Play; seltener, deswegen meist preisgekrönter Gerechtigkeitssinn. Geht bei Spielern einher mit Ehrlichkeit und schlechtem Gewissen. Bsp.: Bremens Miroslav Klose verzichtet im Spiel gegen Bielefeld auf einen unberechtigten Elfmeter. Überforderten Schiedsrichtern kann F. zu Sympathien verhelfen. Bsp.: Lutz Michael Fröhlich nimmt einen Platzverweis gegen Michael Ballack zurück. F. kann auch in Mannschaftsform auftreten (nicht zu verwechseln mit Harmlosigkeit) und ermöglicht Vereinen über die Uefa-Fair-Play-Wertung evtl. die unverhoffte Teilnahme am Uefa-Cup. Bsp.: Hannover 96.

G eil; Lieblingswort des Mainzer Trainers Jürgen Klopp. G. ist für Klopp wahlweise die Bundesliga, das Mainzer Publikum oder seine Mannschaft. Erste aktenkundige Erwähnung allerdings schon weit vor Klopp („Ein geiles Tor“, Werner Hansch).

Hoyzer, Robert; a) ein bis zum 22. Januar d.J. unbekannter Zweitligaschiedsrichter; b) ein nach dem 22. Januar d.J. durch Auftritte u.a. in der Talkshow „Johannes B. Kerner“ und Untersuchungshaft bekannter, geständiger Skandalschiedsrichter. Er gilt als eine zentrale Figur im Wettskandal; c) eine Schiedsrichterbeleidigung (du H.), die mit einer Roten Karte geahndet werden muss.

I nvestor, der; auch Großinvestor, wichtiger Faktor der Vereinspolitik, vor allem bei Borussia Dortmund. Der I. besitzt ein großes privates Vermögen (Erbe, Waffenhandel) und leitet aus seinem finanziellen Engagement ein Recht auf weiter gehenden Einfluss ab. Florian Homm, I. beim BVB, hat sich bereits früh für die Entlassung von Trainer Bert van Marwijk ausgesprochen.

J ürgen, der; hierzulande selten anzutreffende Spezies, wenn ja, dann meist lächelnd. J. ist gelernter Bäcker und Reform-Hardliner; als Fußballer und als Bundestrainer mit Killerinstinkt ausgeprägt. J. schreckt nicht davor zurück, ganze Verbände auseinander zu nehmen, agiert gern via moderner Kommunikationstechnik – wenn es in Kalifornien klick macht, rollen in Frankfurt am Main Köpfe. J. will im Sommer 2006 Weltmeister werden, vertraut dabei auf amerikanische Fitnesstrainer und einen Spion aus der Schweiz.

K onzeptfußball, der; Zauberformel finanziell minderbemittelter Vereine wie Arminia Bielefeld zur Sicherung der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit (siehe auch Zentralvermarktung). Funktioniert nach dem recht einfachen Prinzip: Die Mannschaft mit den schlechteren Fußballern muss mehr laufen als ihr Gegner.

Lyon, drittgrößte Stadt Frankreichs, Universitätsstadt, Zentrum der fr. Gastronomie, Unesco-Weltkulturerbe. Heimat des Fußballklubs Olympique L. Seit dem Auftritt des Deutschen Meisters Werder Bremen in der Champions League am 8. März d.J. gilt L. als Beispiel für die mangelnde internationale Konkurrenzfähigkeit des deutschen Fußballs.

M eistersterne, die; ins Gerede gekommener Kleiderordnungs-Irrsinn, M. werden auf dem Trikot oberhalb des Vereinswappens getragen. M. werden nur für Titel in der Bundesliga verliehen. Die Vergabe von M. wurde zum Streitobjekt, nachdem der BFC Dynamo für zehn Titel (aus DDR-Tagen und unter kräftiger Mithilfe des MfS) drei M. (sonst nur noch der FC Bayern) beanspruchte und einfach auf seine Trikots flocken ließ. Der BFC spielt in der Oberliga.

Neuville, Oliver; Erfinder des Handtores. Für den Fall, dass der Ball mit den dafür zugelassenen Körperteilen (Fuß, Bein, Kopf) nicht mehr erreicht werden kann, darf er auch mit der Hand ins Tor gepritscht werden – vorausgesetzt der Schiedsrichter heißt Uwe Kemmling.

Ostfußball, der; bis zur Saison 2004/05 noch in der Bundesliga vertretene Minderheit. Am Ende nur noch repräsentiert durch Hansa Rostock. Der Abstieg des O. ist verbunden mit der wirtschaftlichen Schwäche seines Ursprungsgebietes. Inzwischen erregt der O. das Mitleid der Nation und von Ehrenspielführern der Nationalmannschaft.

Phantom, das; Lieblingssynonym bestimmter Medien für Marek Mintal (1. FC Nürnberg). Mintal (nicht zu verwechseln mit R. Vittek) ist während eines Spiels fast 90 Minuten unsichtbar und tritt i. d. R. nur beim Torjubel in Erscheinung, manchmal sogar mehrmals pro Spiel. Keine Ähnlichkeit mit Phantomtor (siehe Thomas Helmer, 1994).

Quälix, der; in Spielerkreisen entstandene Definition für den lange erfolglosen und unbeliebten Trainer Felix Magath, der eine trotz des „besten Kaders aller Zeiten“ erfolglose Mannschaft übernahm. Nach dem „härtesten Trainingslager aller Zeiten“ schienen die Spieler mit dem üblichen Leistungseinbruch zu reagieren, aufgrund der großen Kraftreserven wurden sie dann doch Meister. Der Q. hofft deshalb auf einen Imagewandel.

Retter, der; Unterform der Spezies Trainer, entwickelt sich immer mehr zum eigenen Beruf. R. werden eingestellt, mit dem Auftrag, einen aussichtslos abgeschlagenen Verein vor dem Abstieg zu bewahren. Rekord-R. ist Jörg Berger, der diesmal scheiterte. Nach erfolgreicher Mission strebt der R. die Resozialisation als Trainer an und hat aus Dankbarkeit meist gute Chancen (siehe Horst Köppel, Borussia Mönchengladbach).

S tadion, das; veraltet für Fußballarena. Meist ohne Tartanbahn und nach einem globalen Unternehmen (Schüco, AWD, Playmobil) benannt. Ausgestattet mit Videowürfeln und bunten Sitzschalen, in WM-Stadien auch mit einem elektronischen Zugangssystem. Die S. lockten in dieser Saison 37 781 Zuschauer pro Spiel an – das ist Rekord.

T orwartkrieg, der; ein überwiegend verbales Gemetzel, das weit über den Strafraum hinweg mediales Aufsehen erregt. Die Protagonisten im T. sind Oliver Kahn und Jens Lehmann. Jeder Fangfehler des jeweils anderen wird im T. verächtlich-höhnisch kommentiert. Wenn zwei sich streiten, braucht sich der Dritte allerdings nicht unbedingt zu freuen. Stuttgarts Timo Hildebrand wird bei der WM 2006 wohl trotzdem nicht die Nummer 1 im deutschen Tor sein.

Untersuchungshaft, die; ein seit der Saison 2004/05 zunehmend gebräuchlicher Aufenthaltsort für Schiedsrichter (Hoyzer, Robert; Marks, Dominik) oder Spieler (Karl, Steffen); die U. kann auch für Vereinsfunktionäre (siehe Wildmoser, Karl-Heinz junior, in München auch „der Heinzi“ genannt) genutzt werden; kommt es zum Prozess, kann die U. von einer Haftstrafe abgelöst werden (siehe der Heinzi).

Videobeweis, der; Verfahren, um Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern zu verhindern. Von der Fifa weiterhin abgelehnt, wurde der V. von Schiedsrichter Franz-Xaver Wack eigenmächtig eingeführt. Am 27. Februar, im Spiel Bayer Leverkusen gegen VfB Stuttgart, revidierte Wack eine Fehlentscheidung nach Ansicht der Bilder auf der Videoleinwand in der Bayarena.

W interschlussverkauf, der; von Borussia Mönchengladbach wiederbelebtes Prinzip der so genannten Schnäppchenjagd. Im W., auch WSV, verpflichtete der Klub auf Geheiß seines Erfolgstrainers Dick Advocaat sieben Spieler, um mit dem Abstiegskampf in der Rückrunde nichts mehr zu tun zu haben.

Zentralvermarktung, die; bedrohtes Prinzip zur Verteilung der Fernseheinnahmen. 1. Für die kleineren Vereine ein wichtiges Instrument zur Sicherung der Chancengleichheit in der Bundesliga 2. (bayr.) Grund für das wiederholt frühe Ausscheiden des FC Bayern München aus der Champions League, Ausdruck unerwünschter Gleichmacherei.

Erstellt von Patrick Bauer, Karsten Doneck, Stefan Hermanns, Steffen Hudemann, Robert Ide, Mathias Klappenbach, Michael Rosentritt und Benedikt Voigt.

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