Sport : Geist und Eis

Jan Friesinger lenkt sich gerne mit Philosophie vom Spitzensport ab

Frank Bachner

Berlin - Zum Weltcup der Eisschnellläufer in Berlin hat Jan Friesinger das Buch „Historische Variationen“ von Sebastian Haffner mitgenommen. Philosophisches mag er auch. Vor einem Weltcup in Calgary las er die „Dialektik der Aufklärung“. Als auf 3sat die „Kant-Wochen“ ausgestrahlt wurden, programmierte Friesinger seinen Videorekorder. Als er vergangene Woche in Hamar beim Weltcup lief, verfolgte er in seinem Hotelzimmer im Fernsehen eine philosophische Diskussionsrunde. „Ich schaue mir auch gerne Arte an“, sagt Friesinger. „Das alles entspannt mich.“

Er zitiert Hölderlin, er macht sich Gedanken über die Thesen des Philosophen Popper. Jan Friesinger, 24 Jahre alt, derzeit erfolgreichster deutscher Eisschnellläufer, mehrmaliger Deutscher Meister über 1500 Meter, ist ein ungewöhnlicher Sportler. Anders gesagt: Er hat ein eigenes Profil. Das ist ihm wichtig. Für viele Beobachter besetzt er nämlich vor allem eine Nebenrolle. Er ist der kleine Bruder. Der Mann im großen Schatten von Anni Friesinger, der Olympiasiegerin.

Jan Friesinger sagt, es mache ihm nichts mehr aus, in dieser Rolle gesehen zu werden. „Da stehe ich drüber.“ Außerdem profitiere er vom Namen Friesinger. Die Schwester hat einen großen Autohersteller als Hauptsponsor, der Bruder darf nun kostenlos ein Auto fahren.

Jan Friesinger versucht jedoch nicht krampfartig, eine öffentliche Rolle zu suchen. Das muss er auch gar nicht. Der Sportler und Mensch Friesinger hat genug zu bieten. Zum Beispiel die Philosophie. Das ist durchaus spannend. Friesinger macht sich intensiv Gedanken, aber er gießt seine Resultate nicht in Thesen oder betonharte Sätze, mit denen er den Sport und die Welt erklärt. Das liegt schlicht daran, dass er auf solche Thesen nicht stößt. „Auf den Sport kann ich eigentlich von meinen philosophischen Gedanken wenig übertragen.“ Das stört ihn nicht sonderlich, er ist schließlich kein Missionar. Manchmal dreht er sich bei diesen Gedanken sogar im Kreis.

Jan Friesinger ist bisher bei den Weltcups nie über einen sechsten Platz hinausgekommen. Heute versucht er beim Weltcup in Berlin, einen besseren Platz zu erreichen. Den Abstand zu einem Podiumsplatz hat er jedenfalls immer mehr verringert. Und wann erreicht er ihn, den Podiumsplatz? „Wenn ich keine Fortschritte mehr mache. Aber ich will immer Fortschritte machen. Ich möchte immer eine Steigerung sehen“, sagt Friesinger. Übersetzt heißt das, dass er nie einen Podiumsplatz erreichen wird, weil er nie ein Ende des Fortschritts erleben möchte.

Friesinger denkt kurz über diesen Widerspruch nach, er muss lächeln, dann sagt er : „Mir ist es wichtig, dass ich immer auf dem Boden bleibe.“ Soll bloß keiner denken, er profiliere sich mit aller Macht als selbst ernannter Philosoph, als intellektueller Gegenentwurf zur eher extrovertierten Schwester. Philosophie wird er später eher nicht studieren. Die Berufsaussichten sind zu schlecht.

Außerdem hat Friesinger noch ein anderes Gesicht. „Im Sport gehe ich aus mir heraus.“ Explosivität benötigt er für den Wettkampf. Zudem kann der Polizeimeister Friesinger mit genüsslichem Unterton davon reden, wie es ist, Polizeieinsätze mit Blaulicht und Sirenengeheul zu trainieren, ohne dabei den übrigen Straßenverkehr zu gefährden. Er steht beim Bundesgrenzschutz auf der Lohnliste.

Und die Geschichte mit dem ewigen Fortschritt, die darf man auch nicht zu wörtlich nehmen. Jan Friesinger hat nämlich eine Wunschvorstellung von einem Medaillengewinn. „Vielleicht klappt es ja bei der WM 2005.“ Das wäre ein ganz besonderer Erfolg. Die WM findet in Inzell statt. Da ist Friesinger zu Hause.

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